WildCast #49: Anmaßung im Beruf: Wenn alte Muster deine Karriere sabotieren

WildCast #49: Anmaßung im Beruf: Wenn alte Muster deine Karriere sabotieren

Inhaltsangabe

I Wiederkehrende Konflikte, die keinen Sinn ergeben

Kennst du das?

Du gehst engagiert in eine neue Position, bringst deine Kompetenz ein, wirst gelobt – und kurz bevor alles richtig gut läuft, kippt die Stimmung. Plötzlich reagiert dein Vorgesetzter zurückhaltend oder sogar abwertend. Termine werden abgesagt, Mails nicht mehr beantwortet, das Vertrauen schwindet. Und irgendwann fragst du dich: „Wieso passiert mir das schon wieder?“

Genau dieses Muster begegnete mir in der Arbeit mit Martin. Er ist mehrfacher Geschäftsführer, klug, reflektiert, erfolgreich. Und trotzdem musste er schon zweimal eine Führungsposition aufgeben – im Konflikt mit seinen Vorgesetzten.

Was auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein tief verankertes inneres Muster. Ein Muster, das viele Menschen kennen, ohne es so zu benennen: Anmaßung als Schutzstrategie.


II Was Anmaßung wirklich ist – und was nicht

Wenn wir das Wort „Anmaßung“ hören, denken viele an Arroganz oder Überheblichkeit. Doch so hat Hellinger, der den Begriff im systemischen Arbeiten geprägt hat, ihn nicht gemeint. Vielmehr erlebe ich in meiner Arbeit als systemische Coach immer wieder: Anmaßung ist selten echte Überheblichkeit.

Viel häufiger ist sie ein Schutzmechanismus. Ein Mantel, der über einem verletzten Anteil liegt. Ein Teil, der sich klein, überfordert oder nicht anerkannt fühlt und der diese Verletzlichkeit nicht mehr spüren will.

Anmaßung entsteht oft in Kindheiten, in denen ein Kind nicht die Anerkennung bekam, die es gebraucht hätte. Statt Lob gab es Kritik. Statt Freude über Erfolge gab es Abwertung oder Schweigen. Unbewusst bildete das Kind ein Introjekt, das sich dachte: „So verhalten sich also Stärkere.“ Das Kind beginnt, sich (vermeintlich) Stärkeren gegenüber klein zu machen und – umgekehrt – vermeintlich Schwächere kleinzumachen.

So entsteht Anmaßung nicht aus Arroganz, sondern als Überlebensstrategie.


III Parentifizierung: Wenn Kinder Verantwortung tragen, die nicht die ihre ist

Martin wuchs in einer Familie auf, in der viel von ihm erwartet wurde. Besonders von seinem Vater. Offiziell hieß es: „Bildung ist wichtig, streng dich an, sei erfolgreich.“ Doch jedes Mal, wenn Martin stolz mit einer guten Note nach Hause kam, folgte eine Abwertung:

  • Bei einer 1-: „Wo kommt denn das Minus her?“
  • Bei einer 1: „Wie viele andere hatten auch eine Eins? Die wird ja nicht verlost worden sein.“

Was Martin damals nicht wusste: Auch sein Vater hatte nie Anerkennung erhalten. Sein Großvater war kriegsversehrt zurückgekehrt, streng und hart. Für ihn zählte nur körperliche Arbeit. Büroangestellte nannte er „Sesselpupser“. Martins Vater konnte sich bemühen, wie er wollte – selbst ein Mercedes vor der Tür beeindruckte den Großvater nicht.

Dieses Muster setzte sich fort: Der Vater hatte selbst nie Anerkennung erhalten und konnte sie deshalb auch seinem Sohn nicht geben. Stattdessen deckelte er ihn.

In der Transaktionsanalyse sprechen wir hier von einem Zusammenspiel aus Antreibern und Bannbotschaften:

  • Antreiber: „Streng dich an. Sei erfolgreich.“
  • Bannbotschaft: „Aber wage es ja nicht, erfolgreicher zu sein als ich.“

Die Folge: Das Kind konstruiert ein instabiles Selbstbild, pendelnd zwischen „Ich bin der König der Welt“ und „Ich bin der letzte Versager“.


IV Wenn alte Muster im Beruf wiederkehren

Was Kinder einst als Überlebensstrategie gelernt haben, setzen sie als Erwachsene unbewusst fort. So auch Martin.

Immer wiederholte er dieselbe Dynamik: Er stieg ein, brachte Leistung, wurde gelobt. Und kurz bevor er die nächste Stufe hätte erreichen können, kippte etwas. Vorgesetzte reagierten kritisch, Martin selbst fühlte sich angegriffen und verhielt sich anmaßend. Ein unsichtbares Drehbuch schien zu sagen: Hier endet es.“

Unbewusst hatte Martin seine Vorgesetzten für die Rolle seines Vaters „gecastet“. Und genau wie damals reagierten diese mit Abwertung – auf eine Art, die Martin selbst durch subtile Überheblichkeit provozierte.

Das klingt paradox, ist aber ein bekanntes Muster: Wir reinszenieren unsere Vergangenheit so lange, bis wir sie heilen.


V Die Arbeit mit dem anmaßenden Anteil

Im Coaching bat ich Martin, einmal in sich hinein zu spüren, wo er den anmaßenden Anteil in sich wahrnimmt. Sofort zeigte er auf sein Herz: heiß, brodelnd, kurz vor dem Explodieren.

Als ich ihn bat, diesem Anteil ein Bild zu geben, war er überrascht: Vor seinem inneren Auge erschien kein strenger Mann, sondern ein kleiner, weinender Junge.

Genau das ist der Kern: Anmaßung ist der Mantel. Darunter sitzt das verletzte Kind.

Wir begannen, mit diesem Kind zu arbeiten. Martin sprach es an: „Hallo, ich bin dein großes Ich aus der Zukunft.“ Er zeigte ihm, wie sein Leben verlaufen war – sein Büro, sein Haus, seine Familie. Der kleine Junge war beeindruckt, berührt, überrascht.

In diesem Moment geschieht etwas Heilsames: Das Kind erkennt, dass es sicher ist. Dass es gesehen wird. Dass es nicht mehr allein kämpfen muss.

Diese Arbeit nennen wir Reparenting: Sich selbst nachbeeltern. Sich selbst den Schutz, die Anerkennung und die Zuwendung geben, die früher fehlten.


VI Alte Aufträge zurückgeben

Ein entscheidender Schritt war, dass Martin den unausgesprochenen Auftrag seines Vaters zurückgab:

Sei erfolgreich, aber nicht erfolgreicher als ich.“

Er spürte diesen Auftrag als Druck in seinem Herzen. Und dann stellte er sich vor, wie er ihn zurückgibt – erst an seinen Vater, dann weiter an den Großvater.

Als er die Augen öffnete, sagte er: „Es ist, als ob mir eine Tonne Last von den Schultern genommen wurde.“

Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich leichter, aufrechter, freier.


VII Systemische Dimension: Der Zyklus über Generationen

Was Martin erlebt hat, sehe ich in vielen Familien. Väter, die ihre Söhne klein machen. Söhne, die sich nicht trauen, ihre Väter zu überholen. Und die dann, wenn sie erwachsen sind, wiederum ihre Söhne kleinmachen. Das zieht sich manchmal über 4, 5 Generationen, dieses Muster. Und zwar völlig unabhängig von den tatsächlichen beruflichen Erfolgen – ich sehe es in Familien, wo die Väter Ärzte und Professoren waren genauso wie in Familien, in denen Bahnarbeiter und Handlanger waren.

Doch jemand muss den Zyklus unterbrechen. Ein Cyclebreaker.

Jemand, der sagt: „Hier hört es auf. Ich mache es anders. Für mich und für meine Kinder.“


VIII Den Schutzmantel würdigen – eine kleine Übung

Wenn du beim Lesen bis hierhin den Eindruck hattest, dass das Thema auch etwas mit dir zu tun haben könnte, dann probiere doch gleich diese kleine – und doch sehr intensive – Übung aus.

Ziel der Übung: Den Anteil in dir wahrnehmen, der dich durch Anmaßung schützt und ihm mit Würdigung begegnen.

Voraussetzungen:

Nimm dir fünf Minuten Zeit, an einem ruhigen Ort, an dem du ungestört bist.

So gehst du vor:

  1. Spür in deinen Körper: Wo sitzt der Anteil, der manchmal hart wirkt oder sich über andere stellt? Der meint, alles besser zu wissen (ins. besser als dein Chef)? Brust, Bauch, Kopf?
  2. Gib ihm diesem Anteil eine Gestalt: Stell dir vor, dieser Anteil schwebt vor dir. Welche Form, welches Bild taucht auf?
  3. Sprich ihn an: Sag innerlich:„Danke, dass du mich so lange beschützt hast. Ich sehe dich. Und ich bin bereit, dich nicht mehr alles alleine tragen zu lassen.“
  4. Spür nach: Welche Veränderung zeigt sich in deinem Körper, wenn du diesen Satz aussprichst?

Diese kleine Übung ersetzt kein Coaching. Aber sie kann ein erster Schritt sein, den Mantel der Anmaßung zu würdigen und zu spüren, wer darunter wirklich steckt.


IX Fazit: Anmaßung ist kein Fehler

Anmaßung ist kein Zeichen von Arroganz, sondern eine Folge alter Verletzungen. Sie entsteht aus Überforderung, Loyalität und fehlender Anerkennung. Und sie lässt sich verwandeln – wenn wir bereit sind, den Anteil darunter zu sehen.

Martin hat erlebt, dass er den alten Auftrag zurückgeben kann. Dass er die Verantwortung für seine Wirkung zurückholt. Und dass er nicht länger in einer Rolle gefangen sein muss, die schon Generationen vor ihm gespielt wurde.


X Wenn du weitergehen möchtest

🎧 Hör dir die vollständige Geschichte im WildCast an:

👉 Zur Podcast-Folge auf meiner Website

👉 Direkt auf Spotify hören

📅 Du willst lernen, wie du selbst solche Prozesse begleitest?

Dann komm zu meinem kostenlosen Online-NLP-Infoabend.

🧡Herzlichst

Susanne (Lapp)
Lehrtrainerin, Lehrcoach, Podcasterin, Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter Eintragung

Du willst auf dem Laufenden bleiben? Und von Vorteilen profitieren, die nur meine Newsletter-Abonnenten erhalten? 

Dann melde dich jetzt an.

Ich freue mich darauf, dich in der großartigen WildWechsel-Community begrüßen zu dürfen.

Herzlichst

Susanne (Lapp)