I Wenn Sinnlosigkeit sich still einschleicht
Vor sechs Wochen saß Marian noch in einem Tagungshotel. Drei Tage lang diskutierten vierzig Führungskräfte über die Werte, die ihre neue Holding prägen sollten. Am Ende standen die Werte Gemeinschaft, Vielfalt und Leistung auf dem Flipchart. Es wurde applaudiert. Manche wirkten fast bewegt.
Jetzt soll Marian zehn Prozent seiner Mitarbeitenden kündigen. „Die Minderleister”, wie es in der Mail der Geschäftsführung hieß.
Für ihn fühlt sich sein Job seitdem sinnlos an. Er schläft schlechter. Schleppt sich morgens ins Büro.
Je länger ich mit Führungskräften arbeite, desto überzeugter bin ich: Viele Menschen leiden heute nicht an zu hohen Leistungserwartungen. Sondern an ihren inneren Wertekonflikten.
Um den Umgang mit inneren Wertekonflikten geht es in der auch WildCast-Folge 69. Du kannst sie dir hier anhören – oder erst weiterlesen und dann reinhören. Beides funktioniert.
Du kannst dir die Episode anhören auf
Menschen, die unter Wertekonflikten leiden, funktionieren nach außen. Oft noch erstaunlich lange. Aber innerlich verlieren sie die Verbindung zu dem, was ihnen eigentlich wichtig ist.
Dieses Thema beschäftigt mich auch deshalb, weil ich mich selbst noch gut an meine Zeit im Konzern erinnere. An einen cholerischen Vorgesetzten, der immer predigte, wie wichtig doch ein wertschätzendes Miteinander sei und mit seinem christlichen Parteibuch wedelte. Gleichzeitig mobbte er Menschen, die ein anderes hatten.
Ich weiß noch, wie sich damals langsam ein lähmendes Gefühl von Sinnlosigkeit in mir ausbreitete. Nicht plötzlich. Schleichend. Mein Engagement, meine Motivation starben in jedem Jour fix ein bisschen mehr.
Heute glaube ich: Genau dieser Wertekonflikt zwischen proklamierter Wertschätzung und tatsächlicher Abwertung war einer der Gründe, warum ich begonnen habe, mich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen.
Es hat eine Weile gedauert, doch heute sehe ich: Manche Konflikte zerstören dich nicht. Sie zwingen dich, ehrlich zu dir selbst zu werden. Und dir die Frage zu beantworten: Wofür stehe ich?
Genau diese Frage hat sich auch Marian gestellt. Nicht bewusst. Nicht als philosophische Übung. Sondern weil sich sein Job für ihn so sinnlos anfühlte.
II Was Werte wirklich sind und warum die meisten Menschen das missverstehen
Marian hat im vergangenen Jahr meine NLP-Master-Ausbildung besucht. Dort beschäftigen wir uns intensiv mit Werten. Weil Werte wie innere Leitplanken funktionieren. Als Marian zu mir ins Coaching kommt, frage ich ihn deshalb: „Erinnerst du dich noch daran, was Werte wirklich sind?”
Die meisten Menschen denken bei Werten an Moral oder abstrakte Begriffe. Im NLP meinen wir damit etwas anderes: Werte sind emotionale Zustände, die wir erleben wollen.
Nicht ein Ding. Nicht ein Ziel. Ein Gefühl.
Geld ist kein Wert. Aber das Gefühl von Sicherheit, das jemand mit Geld verbindet – das ist ein Wert. Ein Porsche ist kein Wert. Aber das Gefühl von Freiheit, das jemand damit verbindet – das ist ein Wert.
Marian hatte seine drei Werte aus seiner NLP-Master-Ausbildung noch klar vor Augen: Loyalität. Liebe. Zuverlässigkeit.
Und jetzt wurde er aufgefordert, Menschen zu kündigen, mit denen er seit Jahren loyal zusammengearbeitet hatte.
Kein Wunder, dass sein System nicht mehr mitmachte.
III Das eigentliche Problem: Werte ohne Erfüllungskriterien
Als wir uns in der Coaching-Sitzung anschauen, woran er eigentlich erkennen wollte, ob sein Wert Leistung erfüllt ist, wurde etwas sichtbar, das ich immer wieder beobachte:
Marian hatte nie definiert, wann Leistung für ihn erfüllt ist. Er hatte das Wort. Aber keine Regel dafür.
Sein unbewusstes inneres Gesetz lautete sinngemäß: „Ich bringe Leistung, wenn ich jedem gegenüber absolut loyal bin.”
Der Holding-Chef definierte Leistung anders: als betriebswirtschaftliches Ergebnis.
Beide hatten „Leistung” als Wert. Beide verstanden etwas völlig anderes darunter. Und niemand hatte je geklärt, woran man im gemeinsamen Kontext erkennen würde, dass dieser Wert tatsächlich gelebt wird.
Gute Regeln für Werte müssen fünf Kriterien erfüllen:
1. Sie sollten realistisch erreichbar sein. Wenn Leistung für dich nur dann erfüllt ist, wenn alles perfekt läuft, wirst du ständig im Defizit sein.
2. Du solltest die Erfüllung kontrollieren können. Wenn Gemeinschaft für dich nur dann erfüllt ist, wenn alle Menschen harmonisch und konfliktfrei miteinander umgehen, machst du dich abhängig von Umständen, die du nicht beeinflussen kannst.
3. Deine Werte sollten täglich erlebbar sein. Wenn du Leistung jedes Mal erlebst, wenn du dich wirklich bemüht hast, wirst du sie häufig erleben. Wenn du dagegen Leistung nur dann erleben willst, wenn du einen Nobelpreis erhältst, wirst du verdammt selten das Gefühl erfolgreicher Leistung haben.
4. Deine Erfüllungskriterien sollten dich emotional stärken. Also eher: „Leistung ist auch, wenn man aus Fehlern lernt” – statt: „Leistung ist nur, wenn man keine Fehler macht.”
5. Deine Werte sollten so konkret sein, dass du daraus Verhalten ableiten kannst. Wenn du sagst: „Ich setze mir fünf KPIs und tracke wöchentlich, wie sie sich entwickeln” – dann weißt du, was du konkret zu tun hast.
IV Gemeinschaft versus Leistung – ein Widerspruch?
Marians Einschätzung, was Leistung für ihn bedeutet, bringt uns zum Kern seines inneren Konflikts.
„Wenn ich loyal bin”, antwortet er sofort auf meine Frage. „Loyal wem gegenüber? „Na, meinen Mitarbeitenden.” Ich lasse die Antwort einen Moment im Raum stehen.
„Und was ist mit dem Geschäftsführer der Holding? Müsstest du ihm gegenüber nicht auch loyal sein?” Marian schaut mich an. Lange Pause. „So habe ich das noch nie gesehen”, sagt er schließlich.
Und dann benennt er selbst, was ihn seit Wochen innerlich auslaugt: „Egal, wie ich mich entscheide – ich verliere. Ein bisschen wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder verrate ich meine Mitarbeitenden. Oder meinen Auftrag.”
Und genau solche inneren Doppelbindungen erschöpfen viele Menschen heute. Nicht nur Führungskräfte. Menschen versuchen gleichzeitig loyal, empathisch, leistungsfähig, harmonisch und erfolgreich zu sein. Und wundern sich, dass ihr Nervensystem irgendwann nicht mehr mitmacht.
Also formulieren wir gemeinsam neu. Was würde Leistung für ihn bedeuten, ohne automatisch in diesen Konflikt zu kommen? „Vielleicht bedeutet Leistung zukünftig für mich, Verantwortung zu übernehmen. Dinge offen anzusprechen. Position zu beziehen.” Zum ersten Mal seit Beginn unseres Gesprächs wirkt Marian innerlich etwas ruhiger.
Dann schauen wir gemeinsam auf seinen Wert Gemeinschaft. Und ich stelle ihm eine Frage, die ihn zunächst überrascht: „Kann es sein, dass du Gemeinschaft manchmal gerade dadurch stärkst, dass du Entscheidungen triffst, die das Unternehmen langfristig stabil halten?”
Er schaut mich an. „Denn ohne Unternehmen“, sage ich ruhig, „gibt es irgendwann auch keine Gemeinschaft mehr.“
Eine Weile schweigt er. Dann: „So habe ich das ehrlich gesagt noch nie betrachtet.”
Systemisch betrachtet funktionieren Unternehmen anders als Familien. In eine Familie wirst du hineingeboren. Zugehörigkeit entsteht dort erst einmal unabhängig von Leistung. Ein Unternehmen dagegen braucht auf Dauer eine Form von gegenseitigem Beitrag, damit Zugehörigkeit stabil bleiben kann.
„Vielleicht”, sagt Marian schließlich, „ist nicht jede Trennung automatisch Verrat.”
V Wertehierarchie: Was zuerst kommt, entscheidet alles
„Die meisten Menschen glauben, ihre Werte stünden gleichberechtigt nebeneinander”, sage ich. „Aber tatsächlich herrscht zwischen verschiedenen Werte fast immer eine Hierarchie.”
Sobald zwei Werte miteinander kollidieren, entsteht ein Wertekonflikt. Typische Kollisionen sind: Freiheit versus Sicherheit. Harmonie versus Abgrenzung. Gemeinschaft versus Gerechtigkeit.
Marian ist still. Dann: „Wenn ich ehrlich bin, bei mir gewann immer Loyalität. Gemeinschaft. Das war mein oberster Wert.”
„Deshalb fühlte sich die Aufforderung, Mitarbeiter zu entlassen, für dich so existenziell an” sage ich.
Er denkt nach. Und dann – langsam, aber klar – beginnt sich etwas in ihm zu verschieben: „Eigentlich ist Leistung nicht der Gegner von Gemeinschaft. Leistung ist oft überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Gemeinschaft langfristig bestehen kann.”
Er denkt weiter: „Und gleichzeitig brauchen Menschen natürlich auch Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Sicherheit, um gute Leistung bringen zu können.”
Zum ersten Mal klingt seine Stimme dabei nicht mehr zerrissen. Sondern klar.
„Ich glaube”, sagt er schließlich, „dass Leistung für mich beruflich zukünftig an erster Stelle stehen muss. Aber nicht im Sinne von Härte oder blindem Funktionieren. Sondern im Sinne von Verantwortung für das Gesamtsystem.”
Und dann formuliert er seine neue innere Ordnung so: „Ich möchte künftig zuerst prüfen: Ist Gemeinschaft hergestellt? Fühlen Menschen sich gesehen, fair behandelt und grundsätzlich zugehörig? Wenn das der Fall ist, dann will ich auch Leistung einfordern können – ohne schlechtes Gewissen.”
Seine neue Wertehierarchie: Leistung. Gemeinschaft. Vielfalt. Es klingt nicht mehr wie ein innerer Kampf. Sondern wie eine bewusste Entscheidung.
VI Drei Fragen für dich
Bevor du weitermachst – überlege doch einmal für dich:
Welche Werte sind dir in deinem Leben eigentlich die wichtigsten? Freiheit? Verbundenheit? Sicherheit? Anerkennung? Leichtigkeit? Bedeutsamkeit?
Wie oft erlebst du diese Werte gerade wirklich in deinem Alltag?
Und nach welchen inneren Regeln entscheidest du, ob deine Werte erfüllt sind?
Durch deine Antworten auf diese Fragen entsteht entweder Sinn. Oder innere Erschöpfung.
VII Hör die ganze Sitzung
Die vollständige Coaching-Sitzung mit Marian gibt es als WildCast-Folge 69 „Das macht doch alles keinen Sinn.” Wertekonflikte auflösen – Sinn finden
👉 Jetzt anhören:
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VII Wenn dich das tiefer beschäftigt
Marian hatte etwas, das viele Menschen in ähnlichen Situationen nicht haben: Er kannte sein eigenes Wertesystem. Er wusste, was ihm wichtig ist. Er konnte im Gespräch sofort benennen, was seinen inneren Konflikt ausmacht.
Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis seiner NLP-Master-Ausbildung.
Der NLP-Master ist – anders als die NLP-Practitioner-Ausbildung – nicht dazu da, besser zu kommunizieren und einzelne Symptome zu verändern. Er ist dazu da, die viel grundlegenderen Fragen zu beantworten:
Wer willst du eigentlich sein? Wofür willst du stehen?
Wir arbeiten mit deinen Werten, deinem Lebensskript, deiner Timeline, deiner Vision. Systemisch. Traumasensibel. Und so, dass sich danach nicht nur dein Denken verändert hat, sondern dein In-der-Welt-sein.
Oder komm zuerst zu unserem kostenlosen Erlebnisabend. Ohne Verpflichtung. Einfach reinschnuppern.
🧡Herzlichst
Susanne Lapp
Lehrtrainerin, Lehrcoach, Autorin, Podcast-Host