WildCast #48: Immer wieder Ärger mit den Vorgesetzten? Der häufige blinde Fleck

WildCast #48: Immer wieder Ärger mit den Vorgesetzten? Der häufige blinde Fleck

Inhaltsangabe

Parentifizierung, Anmaßung und die unterschätzte Dynamik hinter wiederkehrenden Konflikten mit Vorgesetzten

Du machst deinen Job gut. Du bringst Leistung, denkst mit, übernimmst Verantwortung – oft sogar mehr, als man von dir erwartet.

Und trotzdem: Nach ein paar Monaten beginnt es zu knirschen. Die Abstimmung mit den Vorgesetzten wird zäh. Entscheidungen lassen auf sich warten. Und irgendwann spürst du: Hier läuft etwas schief.

Wenn dir dieses Muster bekannt vorkommt, bist du nicht allein.

In meiner Arbeit als systemischer Coach begegnet mir diese Konstellation immer wieder – insbesondere bei Menschen, die früh gelernt haben, stark zu sein. Zu funktionieren. Verantwortung zu übernehmen.

Die systemische Dynamik, die häufig hinter diesem Muster liegt: Parentifizierung.


I Was ist Parentifizierung und warum betrifft sie so viele Leistungsträger?

Parentifizierung bedeutet, dass ein Kind beginnt, sich um seine Eltern zu kümmern. Nicht freiwillig – sondern weil die Eltern emotional, psychisch oder praktisch überfordert sind.

Das Kind übernimmt Aufgaben, die nicht seinem Alter entsprechen:

  • Es wird zum Tröster der Mutter.
  • Zum Ersatzpartner des Vaters.
  • Zur kleinen Managerin des Familienalltags.
  • Etc. etc.

Und genau das prägt den inneren Kompass – oft ein Leben lang. Menschen, die bereits in der Kindheit gelernt haben, Verantwortung zu tragen, mussten sich meist bereits früh Eigenschaften aneignen, die sie im Erwachsenenleben für Führungsaufgaben prädestinieren (klingt hart, aber ist die Realität):

  • Disziplin
  • Organisationsgeschick
  • Leistungsfähigkeit
  • Strukturiertes Vorgehen
  • Ignorieren der eigenen Bedürfnisse und Grenzen

Es ist sicherlich nicht nötig zu erwähnen, dass es auch genau diese Punkte sind, die zu einer erhöhten Anfälligkeit für Burnout führen (nicht umsonst gilt ein Burnout ja auch als „Manager-Krankheit“)


II Die vier Folgen von Parentifizierung

In meiner systemischen Praxis zeigen sich immer wieder die vier typischen Auswirkungen von Parentifizierung:

  1. Permanentes Gefühl der Überforderung, weil die Betroffenen zu früh zu viel tragen mussten.
  2. Tiefsitzende Angst – vor Fehlern, vor Versagen, vor Liebesentzug.
  3. Sehnsucht nach Anerkennung, weil ihr Einsatz früher selten gesehen wurde.
  4. Anmaßung – häufig als blinder Fleck: der innere Anteil, der glaubt, es besser zu wissen als andere.

Aufgrund der Punkte 1 – 3 nehmen Klientinnen und Klienten häufig Coaching in Anspruch. Sie fühlten sich überfordert, werden von Versagensängsten geplagt und leiden darunter, dass sie im Beruf (und häufig auch in der Familie) nicht die verdiente Anerkennung erhalten.

Die eigene Anmaßung dagegen wird selten bewusst wahrgenommen. Sie befindet sich meist im blinden Fleck, d.h. man nicht die Momente nicht bewusst wahr, in denen man Vorgesetzte, Kollegen und Mitarbeitende spüren lässt, dass man sich selbst für überlegen hält. Dies geschieht seltener durch die Wahl der Worte, sondern zeigt sich meist im gewählten Tonfall, in der Körperhaltung, in Gestik und Mimik.

Frage: Wieso ist die sogenannte Anmaßung eine Folge der Parentifizierung? Die ersten drei Punkte – Überforderung, Angst, Sehnsucht nach Anerkennung – fühlen sich für die Psyche nicht gut an. Deswegen bildet die Psyche zur Kompensation diesen Persönlichkeitsanteil aus, der sich überlegen, super und stark findet.

Anmaßung ist somit kein Charakterfehler, sondern der Versuch, eine frühe Ohnmacht und Überforderung zu kompensieren. Doch wie so oft: Die Lösungen von früher sind die Probleme von heute. Und so führt die Anmaßung, die bei einem selbst im blinden Fleck wohnt, vom Umfeld jedoch umso deutlicher wahrgenommen wird, eben immer wieder zu Konflikten – privat wie beruflich.


III Wenn der Chef zum Trigger wird

In der aktuellen Folge meines WildCasts erzähle ich von Martin, einem erfahrenen Geschäftsführer, der immer wieder in Konflikte mit seinen Vorgesetzten geraten ist, bis er einen Aufhebungsvertrag angeboten bekam. Und zwar mehr als einmal.

Was ihm in die Quere kam, waren nicht seine Fähigkeiten. Sondern sein unbewusstes Muster: Ein innerer Anteil, der seinen Vorgesetzten immer wieder wissen ließ, was er von ihm hielt: Nämlich wenig.

🎧 Hör hier die ganze Geschichte und die systemische Analyse dazu:

👉 Zur Folge auf der Website

👉 Oder direkt auf Spotify hören


IV Check dich selbst – bist du vielleicht auch betroffen?

Am Ende der WildCast-Folge findest du eine kleine Checkliste, mit der du herausfinden kannst, ob auch in dir Parentifizierung wirkt – und ob Anmaßung vielleicht ein unbewusster Schutzmechanismus ist, der dir heute immer wieder im Weg steht.

💡 Und keine Sorge: Sobald du es erkennst, kannst du es verändern. Denn was dich einst geschützt hat, darf heute in etwas Neues verwandelt werden.


V Wenn du tiefer einsteigen willst: Sei bei der nächsten NLP-Ausbildung dabei

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Mein Team und ich sind gerne für dich da.

Herzlichst
Susanne (Lapp)
Lehrtrainerin, Lehrcoach, Autorin, Podcast-Host


VI Hier findest du das komplette Transkript der WildCast-Folge #48

Podcast 48: Immer wieder Ärger mit den Vorgesetzten? Der häufige blinde Fleck

Intro

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge vom WildCast – deinem Coaching-Podcast für persönliches Wachstum, beruflichen Erfolg und systemische Klarheit. Ich freue mich sehr, dass du da bist.

Heute starten wir mit einem Zweiteiler, der mir besonders am Herzen liegt. Denn es geht um ein Thema, das in meiner Arbeit immer wieder eine zentrale Rolle spielt:

Wiederkehrende Konflikte mit Vorgesetzten – und was sie mit deiner Geschichte zu tun haben.

Manchmal verdichten sich die Dinge ja auf sehr eigene Weise. Vielleicht kennst du das auch: Verschiedene Impulse kommen zusammen – Gespräche, Begegnungen, Themen – und plötzlich entsteht daraus ein klares Bild.

So war es auch bei mir an diesem Wochenende. In meiner Ausbildung zum Business- und Systemcoach haben wir uns intensiv mit dem Thema Anmaßung als Folge von Parentifizierung beschäftigt.

Warum? Weil Anmaßung als Folge von Parentifizierung – so unattraktiv das Wort auf den ersten Blick auch klingen mag – eine ganz zentrale systemische Dynamik ist.

Eine, die nicht nur im Privaten für Spannungen sorgt, sondern gerade im Berufsleben immer wieder zu Konflikten führt. Und zwar zu genau den Konflikten, bei denen man sich fragt: „Wieso passiert mir das schon wieder?“

Kaum hatte ich dieses Thema mit meinen Teilnehmenden in seinen verschiedenen Facetten beleuchtet, saß auch schon ein Klient vor mir, an den ich mich wieder erinnert habe.

Du weißt ja – alle Geschichten hier im WildCast stammen aus echten Coachings, auch wenn ich sie zum Schutz meiner Klientinnen verändere und verdichte.

Und dieser Klient hatte genau das gleiche Thema: Wiederkehrende Konflikte mit Vorgesetzten. Immer verbunden mit dem Gefühl: „Ich weiß genau, was richtig ist, aber keiner hört auf mich.“

Und genau da wurde mir klar: Das Thema verdient eine eigene Podcastfolge. Oder besser gesagt – zwei.

Denn beim Skripten der Podcast-Folge habe ich gemerkt, wie tief dieser Stoff reicht. Wie viele Schichten in der Anmaßung verborgen sind.

Und wie sehr uns diese Muster steuern, ohne dass wir es merken.

In Teil 1 – also heute – nehme ich dich mit in ein Coaching mit Martin. Martin ist mehrfacher Geschäftsführer, hochkompetent, engagiert, voller Verantwortung. Und trotzdem verliert er immer wieder seine Position – nicht wegen mangelnder Leistung, sondern wegen Reibungen mit seinen Vorgesetzten.

Was läuft da schief? Warum passiert das wieder und wieder? Und was hat das mit einem inneren Muster zu tun, das viele von uns nicht einmal bemerken – einem Muster, das aus der Parentifizierung stammt?

Wenn du schon länger WildCast hörst, dann weißt du: Parentifizierung beschreibt die Dynamik, wenn ein Kind – oft aus Not und Loyalität – beginnt, sich um die eigenen Eltern zu kümmern. Emotional, organisatorisch, manchmal sogar körperlich.

Und dieses Muster hinterlässt Spuren. Es zeigt sich später im Berufsleben oft in einer Mischung aus:

  • Überforderung,
  • diffuser Angst,
  • unerfüllter Sehnsucht nach Anerkennung,
  • und – das ist der Punkt, über den kaum jemand gerne spricht – Anmaßung.

Denn wer als Kind ständig spürt: „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“, entwickelt oft einen inneren Anteil, der sagt: „Ich weiß es besser.“ Nicht aus Arroganz – sondern aus früher Not.

Das Problem: Diese Haltung bleibt häufig unbewusst – und führt genau deshalb immer wieder zu Konflikten, Missverständnissen und innerer Erschöpfung.

In dieser Folge geht es darum, diese Dynamik überhaupt sichtbar zu machen: Wie fühlt sich Anmaßung an? Wie entsteht sie als Schutzfunktion – und warum liegt sie bei so vielen Menschen im blinden Fleck?

In Teil 2 – also übernächste Woche – zeige ich dir dann ganz konkret, wie ich mit Martin arbeite.

  • Wie wir die verschiedenen inneren Anteile würdigen.
  • Wie er die Kontrolle zurückgewinnt – nicht über andere, sondern über sich selbst.
  • Und wie aus Anmaßung wieder Kontakt entsteht. Kontakt mit sich. Und mit der Welt.

Wenn du also selbst immer wieder das Gefühl hast, mehr zu wissen als die anderen, aber trotzdem aneckst, erschöpfst oder nicht weiterkommst – dann ist dieser Zweiteiler für dich.

Denn sich mit allen vier Aspekten der Parentifizierung auseinanderzusetzen – mit der Angst, der Überforderung, der unerfüllten Sehnsucht und der Anmaßung – das ist nicht nur unangenehm.

Es ist auch ein kraftvoller Schritt in Richtung Veränderung. In Richtung Wachstum. Und echter, innerer Freiheit.

Und bevor wir einsteigen, noch eine kleine Bitte an dich:

Wenn du den WildCast gern hörst – oder heute etwas mitnimmst, was dich wirklich weiterbringt – dann lass mir doch eine Bewertung da.

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Und vielleicht ist dein Klick ja genau der Impuls, den jemand da draußen gerade braucht. Danke dir.


Martin und sein Ärger mit den Chefs

Martin sitzt mir gegenüber, die Schultern gespannt, der Blick fest. Gekündigt. Zum zweiten Mal als Geschäftsführer. Wieder ein Konflikt mit dem Vorgesetzten – diesmal in einer Holding-Struktur.

Er war verantwortlich für den Aufbau einer Tochtergesellschaft. Hat geliefert. Hat Zahlen gebracht. Hat geführt. Und trotzdem gab es immer wieder Reibung mit dem Holding-Geschäftsführer. Bis es irgendwann hieß: „Wir trennen uns.“ Ja, er hat eine Abfindung bekommen. Aber auch eine tiefe Wunde – es hat ihn tief verletzt, dass sein Beitrag nicht gesehen wurde und dass er derjenige ist, der jetzt gehen muss..

„Es ist zum Verrückt werden“, sagt er. „Ich mache meinen Job. Ich bring Ergebnisse. Ich weiß, was die Firma braucht. Und dann sitzt da jemand in der Holding, Lichtjahre entfernt vom Tagesgeschäft, der meint, er hätte die Weisheit gepachtet. Eine weltfremde Entscheidung nach der anderen. Typisch.“

Er schüttelt den Kopf. „Wieso passiert das ausgerechnet mir? Immer wieder. Ich bin doch nicht der Idiot hier.“ Ich lehne mich leicht nach vorn, spiegle seine Energie. 

„Ich höre dich. Das ist mehr als ärgerlich. Und unfair. Du hast geliefert und trotzdem wirst du rausgedrängt. Das macht was mit einem. Vor allem, wenn es nicht zum ersten Mal passiert.“

Ich warte. Keine Klischees. Keine Klugheit. Nur Raum. Er nickt. „Ja. Es ist nicht das erste Mal. Ich hatte das schon zwei Mal – fast dieselbe Nummer. Ich bringe das Ding zum Laufen, bin loyal, mache mehr als gefordert. Dann stoße ich wieder vor eine Wand.“

Pause.

Ich frage ruhig: „Was ist das für eine Wand, Martin? Wie muss ich mir die vorstellen?“ Er sieht mich an. Nachdenklich.

„Arroganz“, sagt er. „Macht. So Typen, die nix können, aber oben sitzen. Und die meine Kompetenz als Konkurrenz erleben. “

Ich nicke. „Und was passiert dann?“ frage ich. „Eskalieren die Konflikte?“ 

„Ja, aber nicht laut“ bestätigt Martin, „eher so, dass ich keine Termine mehr bekomme. Die Jour fix finden nicht mehr statt. Ich werde zu Meetings nicht mehr eingeladen. Verschwinde von Verteilerlisten.“

„Verstehe“, sage ich, „das würde mich auch verletzten. Und es würde mir Angst machen in Bezug auf die Zukunft. Wenn etwas wiederholt passiert und man gar nicht genau weiß, welche Muster da eigentlich wirken.“


Klärung des Coaching-Auftrags

„Ganz genau. So ist es“, sagt Martin. Er lehnt sich zurück, sein Blick geht kurz ins Leere, dann schaut er mich wieder an.

„Ich frage mich natürlich, warum mir das immer wieder passiert. Wieso ich ausgerechnet an solche Vorgesetzten gerate. Und wie ich das beim nächsten Job vermeiden kann.“

Das ist der Moment, in dem ich im Coaching genauer hinhöre. Denn hinter dieser Frage steckt mehr als nur Ärger – da steckt auch Ratlosigkeit drin. Vielleicht sogar Verzweiflung.

Und für mich ist klar: Damit ein Coaching wirksam werden kann, braucht es am Anfang immer eine saubere Auftragsklärung. Denn Menschen kommen mit Geschichten, aber bleiben wegen ihrer Sehnsucht.

Ich sage also: „Martin, wäre das ein gutes Ziel für unsere Zusammenarbeit – zu verstehen, wo dein Anteil an dieser wiederholten Misere liegen könnte? Oder was genau wünschst du dir von mir und von unserer Zusammenarbeit?“

Er denkt kurz nach. Dann antwortet er mit überraschender Klarheit: „Ja. Genau das. Ich will verstehen, wie ich da immer wieder reinrutsche. Und ich will, dass es beim nächsten Mal anders läuft. Aber ehrlich gesagt… ich will mich auch nicht mehr so mies fühlen. Das ist das Schlimmste. Dass ich mich trotz aller Leistung so mies fühle.“

Ich nicke.

„Also geht’s um zwei Dinge: Muster verstehen – und dich innerlich wieder stabil fühlen. Ja?“ Er nickt. Langsam. Etwas weicher.

  • Meta-Kommentar:

 An diesem Punkt im Coaching passiert etwas Entscheidendes – etwas, das auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, aber die gesamte Zusammenarbeit prägt:

Wir klären gemeinsam den Auftrag.

Das heißt: Ich frage Martin nicht nur, was passiert ist, sondern auch, was er sich von unserer Zusammenarbeit wünscht. Und das hat mehrere Gründe.

Zum einen: Viele Klient*innen kommen mit einem diffusen Gefühl – Frust, Ohnmacht, Wiederholung. Die Auftragsklärung hilft, die eigene innere Landkarte zu ordnen. Allein das schafft oft schon spürbar Erleichterung.

Und das gilt nicht nur im Einzelsetting – sondern auch in der Haltung, die ich in der Trainer- und Coachingausbildung vermittle. Denn nur, wenn wir als Coaches die Kompetenz unserer Klientinnen wirklich anerkennen, entsteht echte Veränderungsarbeit – jenseits von Besserwisserei.

Zum anderen – und das ist mir persönlich besonders wichtig: Coaching ist keine Einbahnstraße. Es ist Arbeit auf Augenhöhe. 

Und es wäre schlicht übergriffig, wenn ich an Themen arbeite, die mein Klient gar nicht bearbeiten möchte.

Martin ist ein kompetenter Erwachsener. Auch wenn er gerade verletzt ist, wütend oder orientierungslos – er weiß, was er will. Und er hat das Recht und die Kompetenz, seine Ziele selbst zu setzen. Ich mache dann natürlich Vorschläge, wie wir gemeinsam seine Ziele erreichen könnten, aber die Richtung, die gibt er vor.

Und genau das stärkt seine Selbstwirksamkeit. Er erlebt sich nicht länger als jemand, dem Dinge passieren – sondern als jemand, der gestalten kann. Der Entscheidungen trifft. Der Einfluss hat.

Allein das – diese Klarheit über die eigenen Ziele und der bewusste Start in die Zusammenarbeit – ist oft bereits ein erster wichtiger Schritt in Richtung Veränderung. 

Diese Klärung des Ziels kann manchmal auch deutlich länger dauern als in dieser Session mit Martin. Dann ist es wichtig sich klarzumachen, dass das Coaching nicht erst nach der sauberen Auftragsklärung beginnt, sondern bereits ein wichtiger Teil des Coachings ist.

Und genau aus diesem Grund frage ich Martin jetzt: „Woran wollen wir zuerst arbeiten: An dem Muster oder an dem „Sich-mies-fühlen“?“


„Ich will mich nicht mehr so mies fühlen“

Martin antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Mich nicht mehr so mies fühlen.“

Ich nicke. Das ist der Moment, an dem ich meinen Klient*innen oft erkläre: Probleme bekommt man nicht umsonst. Man muss etwas dafür tun. 

Unsere Zustände werden nicht von außen gemacht, von bösen Chefs oder den Aliens auf den Plejaden, sondern von uns selbst. Natürlich nicht bewusst, nicht absichtlich, aber doch sehr präzise.

Und genau das ist die gute Nachricht. Denn was wir selbst gemacht haben, können wir auch selbst verändern.

Ich fahre also fort: „Martin, wir alle bauen unsere inneren Zustände über drei Ebenen: über unsere inneren Bilder, über unsere inneren Stimmen und über unsere Körperempfindungen. Wenn du sagst: Ich fühl mich mies, dann heißt das nicht einfach, dass du einen Zustand beschreibst. Sondern: Du erzeugst diesen Zustand – du baust ihn in dir. Unbewusst. Aber er ist gemacht. Von dir.“

Er schaut mich an, zögert einen Moment.

Ich fahre fort: „Also wenn wir diesen Zustand verändern wollen, ist der erste Schritt: zu verstehen, wie du ihn herstellst. Machst du das über ein inneres Bild? Siehst du dich vielleicht klein und bedröppelt vor dem Holding-Geschäftsführer sitzen? Oder sind es innere Stimmen, die sagen: Du hast’s wieder vermasselt? Oder ist es ein Körpergefühl – ein Schlag in die Magengrube, ein Druck auf der Brust?“

Martin schließt die Augen. Hört in sich hinein. Dann öffnet er sie wieder und sagt: „Ich glaube, es ist beides. Die Stimme sagt: Du hast wieder versagt. Und gleichzeitig…“ – er legt sich die Hand auf den Bauch – „…fühlt es sich an wie ein Schlag. Genau hier.“

Ich nicke. „Prima. Womit möchtest du anfangen? Mit der Stimme oder mit dem Körpergefühl?“

Er guckt mich überrascht an. „Man kann das verändern?“ Ich lächle. „Naja, klar. Dafür bist du doch hier.“

Er überlegt nicht lang. „Dann lass uns mit dem Schlag anfangen.“


Meta-Kommentar 

Was wir hier machen, ist reine Selbstwirksamkeit.

Martin erlebt zum ersten Mal seit wahrscheinlich Monaten: Ich bin meinem Zustand nicht ausgeliefert. Ich habe ein Wahlrecht.

Und genau darin beginnt Veränderung – nicht, indem ich ihm erkläre, warum er sich so fühlt, sondern indem ich ihn erleben lasse, dass er es beeinflussen kann.

Ich sage also:

„Prima, dann lass uns mit dem gefühlten Schlag in die Magengrube anfangen.“

Wenn du den WildCast regelmäßig hörst, dann weißt du: Ich arbeite in solchen Momenten gern mit Submodalitäten – eine zentrale NLP-Methode, mit der ich seit über 15 Jahren arbeite. Gerade bei Themen wie innerer Ohnmacht oder Selbstabwertung hat sich diese Arbeit als enorm wirksam erwiesen – sowohl in meinen Coachings als auch in der Ausbildung von Coaches.

Mit Submodalitäten bezeichnen wir im NLP die feinen Unterschiede in unserer Wahrnehmung – also nicht das, was wir wahrnehmen, sondern das wie: Wo genau spüre ich etwas? In welcher Ausdehnung? In welcher Bewegungsrichtung? Und mit welchem inneren Bild oder Ton verknüpft?

Und das Erstaunliche ist: Unsere Gefühle entstehen genau aus diesen feinen Wahrnehmungsdetails. Veränderst du die Submodalitäten, veränderst du automatisch dein Gefühl.

Und genau deshalb arbeite ich so gern damit – weil es schnell geht, tief wirkt und Klient*innen innerhalb kürzester Zeit erleben: Ich kann meinen Zustand beeinflussen.

Ich frage Martin also: „Wo genau spürst du diesen Schlag auf deinen Körper auftreffen?“ Er zeigt sofort auf seinen Bauchnabel. „Genau hier.“ „Und wie groß ist die Ausdehnung?“ „Na ja“, sagt er, „wie so eine große Handfläche. Mit ordentlich Druck. Von außen nach innen.“

Ich nicke. „Super, dass du das so klar spüren kannst.“ Dann lade ich ihn ein: „Stell dir mal vor, wir lassen diese Körperempfindung jetzt anderthalb Meter nach außen schweben. Raus aus deinem Körper. Nur mal so, als würde sie vor dir im Raum schweben.“

Das gelingt nicht allen meinen Klient*innen sofort. Bei Martin geht’s schnell. „Ja, das klappt.“

Ich fahre fort: „Und jetzt dreh mal die Bewegungsrichtung um. Stell dir vor, der Druck geht jetzt nicht mehr von außen nach innen – sondern von innen nach außen.“

Er runzelt kurz die Stirn, schließt die Augen und dann sagt er, fast überrascht: „Ja… ja, das geht. Krass. Das fühlt sich ganz anders an.“

Ich lächle. „Und jetzt: Setz diesen Druck von innen nach außen mal bewusst ein. Spür, was passiert, wenn du ihn wirken lässt.“

Er öffnet die Augen. Und lacht leise. „Wow. Das fühlt sich plötzlich viel besser an. Gar nicht mehr so… niedergeschlagen. Sondern irgendwie aufrechter. Stabiler.“

Ich nicke.

„Stark. Dann haben wir ja die erste Intervention schon.“ Solche Momente sind im Coaching immer besonders, weil sie meinen Klienten zeigen, wie schnell Veränderung geschehen werden, wenn wir gezielt mit den inneren Strukturen arbeiten. 

In meinen Ausbildungen vermittle ich deswegen: Submodalitäten sind wie das fein justierte Innenleben unserer Gefühle: Wer sie verändern kann, hat die Kontrolle zurück.

Wenn du an dieser Stelle denkst: „Wow – das klingt nach echter Veränderung“ – dann stell dir vor, was möglich wird, wenn du selbst lernst, so zu arbeiten.

Genau das vermittle ich in meiner NLP-Practitioner-Ausbildung – praxisnah, fundiert und mit Raum für echte Transformation. Den Link zum nächsten Infoabend findest du in den Shownotes.


  • Meta-Kommentar

Genau das meine ich, wenn ich von Selbstwirksamkeit spreche. Martin hat gerade innerhalb weniger Minuten erlebt, dass sein Zustand kein Zufall ist – sondern eine innere Konstruktion. Und dass er diese Konstruktion beeinflussen kann.

Und das ist ein Gamechanger. Denn wenn ich erlebe, dass ich jetzt, hier, in einem schwierigen Moment etwas verändern kann, dann wird auch die Vorstellung möglich, dass größere, tiefere Veränderungen nicht nur Theorie sind.

Submodalitäten wirken dabei oft wie ein Schlüssel: klein, leicht, schnell, aber sie öffnen Türen, die lange verschlossen waren. 

Deshalb vermittle ich diese Arbeit auch sehr früh in meinen NLP-Practitioner- und Coaching-Ausbildungen: weil sie sofort erfahrbar macht, was NLP leisten kann, wenn es verantwortungsvoll und präzise eingesetzt wird.


Martin & sein Muster

Nachdem sich Martins Zustand spürbar verändert hat, wirkt er ein wenig ruhiger. Die Schultern sind gesunken, der Blick klarer. Ich nehme das wahr und frage ihn: „Wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen? Ich meine – einzusteigen in das, was sich da eigentlich immer wiederholt.“

Er nickt. Offen. Bereit.

Ich fasse kurz zusammen, was sich in unserem Gespräch bereits abgezeichnet hat – in seinem Ton, in seinen Formulierungen, in den kleinen Details:

„Also… du fängst in einer neuen Firma an. Du lieferst. Die Zahlen gehen hoch, die Umsätze stimmen, das Team läuft rund. Und dann – irgendwann nach einem halben oder dreiviertel Jahr – beginnt es zu kippen. Der Kontakt zu deinen Vorgesetzten wird schwieriger. Du ärgerst dich, dass sie sich zurückziehen, dass du keine Termine mehr bekommst, dass auf Mails nicht reagiert wird. Du hast das Gefühl, du hängst in der Luft. Du darfst nichts entscheiden. Du wirst nicht ernst genommen. Und über die Zeit verschlechtert sich das Verhältnis weiter – bis es nach zwei, zweieinhalb Jahren zur Trennung kommt.“

Martin hört zu und man sieht förmlich, wie sich in ihm etwas sortiert. „Ja“, sagt er. „Genau so ist es.“ Ich nicke. „Und du möchtest das tiefer verstehen?“ „Unbedingt.“


  • Meta-Kommentar

Genau hier beginnt oft der spannendste Teil eines Coachings: Der Moment, in dem ein Klient erkennt, dass das, was ihm immer wieder passiert, wie sich dieses Muster, in dem er gefangen ist, sich entfaltet. Denn dadurch wird klar, dass dieses Muster nicht im Außen entsteht, sondern als Zusammenspiel von innerem Erleben und äußerem Verhalten.

In meiner Coaching- und Ausbildungspraxis begegnen mir solche Zyklen – ich nenne sie auch Selbst-Sabotage-Programme – häufig. Sie haben eine Struktur – wie ein inneres Drehbuch, an das wir uns unbewusst genau halten. Doch dieses Drehbuch haben wir eben nicht bewusst geschrieben, sondern oft aus sehr frühen Erfahrungen gebaut.

Und genau da setzen wir jetzt an. Nicht, um zu analysieren, sondern um zu entdecken, wie Martin sich sein Muster baut. Und vor allem: Wofür dieses Muster ursprünglich gedient hat. Wofür es ursprünglich gut war.


Der erste Break

Nachdem Martin etwas durchgeatmet hat, frage ich ihn: „Martin, du hast gesagt, dass sich deine Zusammenarbeit mit Vorgesetzten immer nach einer Weile verschlechtert. Am Anfang läuft es rund, du kommst mit deiner Kompetenz an, entwickelst Ideen, setzt um – und alles funktioniert. Die ersten Monate sind oft eine Erfolgswelle. Und dann, irgendwann … bricht etwas. Es ist nie sofort ein großer Knall – es ist eher ein leiser Riss. Ein Moment, der nicht dramatisch aussieht, aber in deinem Inneren etwas in Bewegung bringt. Magst du mal schauen: Wenn du dein Unbewusstes bittest, dich genau zu diesem ersten Moment zu führen – wo es in deinem letzten Job den ersten kleinen Bruch gab – was kommt da?“

Martin ist still. Überlegt. Dann nickt er. „Ja. Ich weiß es wieder.“ Er lehnt sich zurück, schließt fast die Augen.

„Ich hatte einen Plan vorgestellt fürs Weihnachtsgeschäft. Eine richtig gute Idee. Wir hätten eine neue KI-Lösung gebraucht, um ein paar Prozesse zu automatisieren – damit wir mehr Umsatz in kürzerer Zeit abwickeln können. Ich hatte das sauber aufbereitet. Varianten durchgerechnet. Echt solide.“

Ich nicke. „Und wie hat dein Vorgesetzter reagiert?“

„Er hat gesagt: Lass uns da nochmal drüber nachdenken. Ich will das einen Moment auf mich wirken lassen. Und ich … ich hab mich so geärgert. Ich dachte: Was soll das? Ich habe doch schon nachgedacht. Ich habe doch alles erklärt. Ich hätte einfach weitermachen müssen. Aber stattdessen… wieder dieses Abwarten.“

Ich frage ruhig: „Und – hast du ihm das so gesagt?“ „Nein… also, nicht direkt. Ich habe eher wenig gesagt. Ich habe mich zusammengenommen. Ich habe ihn lediglich gefragt, wann ich denn mit einer Entscheidung rechnen darf. Und er hat nur gesagt: Das werde ich Sie dann wissen lassen. Und dann habe ich drei Wochen lang nichts von ihm gehört. Gar nichts.“


Meta-Kommentar:

Das ist ein typischer Moment. Die äußere Situation ist banal, aber innerlich kippt etwas. Genau dieser Break ist entscheidend. Denn das, was dort aktiviert wird, ist oft nicht die Reaktion eines erwachsenen Geschäftsführers, sondern die eines jüngeren inneren Anteils, der gelernt hat:

„Ich dringe mit meinen Ideen nicht durch. Ich wüsste genau, was zu tun ist, aber ich werde ausgebremst.“

In meiner Arbeit schaue ich deshalb zuerst auf diesen ersten kleinen Bruch. Denn wer das Muster verändern will, muss den Moment erkennen, in dem es beginnt.

  • Die vier Folgen der Parentifizierung

Wenn du meinen Podcast regelmäßig hörst – zum Beispiel Folge 55 – dann weißt du, dass das Muster, das sich hier zu zeigen beginnt, typisch für ein Phänomen ist, das wir in der systemischen Arbeit Parentifizierung nennen.

Parentifizierung heißt: Das Kind wird gezwungen, sich nicht altersgemäß um seine Eltern zu kümmern. Es übernimmt Verantwortung, die eigentlich den Erwachsenen zusteht – emotional, organisatorisch, manchmal sogar körperlich.

Der Begriff kommt vom englischen parent – weil das Kind innerlich die Rolle des Elternteils übernimmt. Und zwar nicht, weil die Eltern das absichtlich wollen, sondern weil sie selbst überfordert sind: durch Krankheit, psychische Belastung, unverarbeitete Themen aus der eigenen Biografie.

Parentifizierung geschieht also nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Not. Und doch ist sie tief wirksam. Sie verändert das ganze Erleben von Nähe, Verantwortung und Beziehung.

In meiner Arbeit begegnet mir Parentifizierung in unterschiedlichsten Formen und fast immer mit denselben vier Folgen:

  • Erstens: Überforderung. Es kann nicht funktionieren, dass eine Neunjährige dafür zuständig ist, die depressive Mutter aufzuheitern – oder ein Siebenjähriger allein den 1000-Quadratmeter-Garten in Schuss hält.
  • Zweitens: Angst. Wer überfordert ist, lebt in ständiger Sorge, etwas falsch zu machen – und dann den Zorn oder den Liebesentzug der Eltern zu spüren.
  • Drittens: Hoffnung. Die Kinder lassen sich auf diese Rollen ein, weil sie sich etwas davon erhoffen: Wenn ich brav bin, wenn ich funktioniere, wenn ich für Mama oder Papa da bin – dann bekomme ich endlich doch noch die Liebe, die ich so vermisse.
  • Und viertens – und das ist oft der blinde Fleck: Anmaßung. Das klingt erstmal hart, fast abwertend. Aber so ist es nicht gemeint. Bert Hellinger, der Begründer der Aufstellungsarbeit, hat das Wort Anmaßung verwendet, um zu beschreiben, was passiert, wenn ein Kind innerlich an einen Platz tritt, der ihm nicht zusteht – nämlich über die Eltern.

Und das geschieht nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Loyalität. Aus Liebe. Weil das Kind glaubt: Wenn ich nicht übernehme, geht alles kaputt.

Das Tragische: Diese vier Aspekte – Überforderung, Angst, Hoffnung und Anmaßung – treten fast immer gemeinsam auf. Ich habe es in all den Jahren kaum anders erlebt. Aber: Während die Überforderung, die Angst und die vermisste Anerkennung Menschen, die parentifiziert sind, oft schmerzlich bewusst ist, wird die Anmaßung häufig in den blinden Fleck geschoben. 

Und das führt eben immer wieder zu Konflikten, weil man selber den blinden Fleck eben nicht wahrnimmt, der aber von außen sehr wohl wahrgenommen wird. 

Und bei Martin fällt mir eben auf, dass seine Worte zwar sehr niedergeschlagen sind, aber der Ton sehr aggressiv anmaßend, man würde auch sagen von oben herab klingt. 

Genau das ist häufig der Fall, dass dieser vierte Aspekt der Parentifizierung, die Anmaßung, sich weniger in der Wortwahl zeigt. Schließlich haben wir alle gelernt, wie man sich gegenüber vorgesetzten Kunden, Mitarbeitern ausdrückt.

 Dafür bricht sich die Anmaßung dann umso deutlicher im Ton ihre Bahn. 

Und genau das fällt mir bei Martin auf: Seine Worte klingen resigniert, ja fast verletzt – aber sein Ton ist … schneidend. Aggressiv. Urteilend. Fast verächtlich. Da spricht jemand von oben herab. 

Genau das ist typisch für diese Form der Anmaßung: Sie kommt nicht in Sätzen, sondern im Ton. Zwischen den Zeilen. Genau das ist so typisch für diese Form der Anmaßung: Sie kommt nicht in Sätzen – sondern im Ton. Zwischen den Zeilen.

Und deswegen fragen sich viele meiner Klienten – so wie Martin: „Was hatte mein Chef bloß? Ich habe doch gar nichts Falsches gesagt.“

Und sie haben recht: Die Worte waren korrekt. Aber was ihnen nicht bewusst ist: Die Chefs – und oft auch Kolleg*innen oder Partner – reagieren eben nicht auf den Inhalt. Sie reagieren auf das Wie. Auf die Haltung dahinter. Auf einen Ton, der eben den Subtext trägt:

„Ich weiß es besser als du.“

Wenn ich so etwas höre, werde ich als Coach hellhörig. Denn genau hier liegt oft die entscheidende Stellschraube für Veränderung.

Und dabei ist mir wichtig zu betonen: Anmaßung ist kein Charakterfehler. Sie ist kein Beweis für Überheblichkeit, sondern eine Kompensation für frühere innere Not.

Wer als Kind ständig überfordert war, ständig Angst hatte, ständig das Gefühl hatte, den Erwartungen der Eltern nicht zu genügen – der entwickelt irgendwann einen inneren Teil, der sagt: „Ich schaffe das. Ich bin stark. Ich weiß, wie’s geht.“

Dieser Persönlichkeitsanteil ist ein Gegengewicht – oft der einzige Halt in einem System, das das Kind überfordert hat. Denn wenn Mama zusammenbricht, Papa überfordert ist, niemand Verantwortung übernimmt – dann sagt dieser Anteil: „Okay. Dann eben ich. Ich bin besonders. Ich krieg das hin.“

Anmaßung entsteht also nicht aus Arroganz – sondern aus Not. Und genau deshalb ist sie so schwer zu erkennen – und noch schwerer zuzugeben. Viele Klient*innen kommen mit der Überforderung, mit der Angst, mit dem Schmerz darüber, nie genug zu sein.

Was sie nicht sehen – weil es im blinden Fleck liegt – ist der innere Anteil, der längst beschlossen hat, dass er besser ist als die anderen.

Und damit Veränderung wirklich gelingt, reicht es nicht, nur an der Angst oder an der Überforderung zu arbeiten. Sondern es braucht auch den Kontakt zu diesem Teil, der führt, kontrolliert, weiß, wie es geht.

In meiner Arbeit achte ich deshalb immer darauf, mit beiden Seiten der Parentifizierung zu arbeiten:

• Mit dem überforderten, sehnsüchtigen Kind,

• und mit dem inneren Erwachsenen, der glaubt, es besser zu wissen und der sich damit so oft selbst im Weg steht.


Pacing der inneren Zustände

Wenn ich in Coachings mit solchen inneren Dynamiken arbeite, dann ist es mir wichtig, die Reihenfolge zu beachten, in der ich die Anteile anspreche.

Denn aus Pacing-Gesichtspunkten – also wenn ich wirklich die innere Welt meines Klienten ernst nehme – ist es oft sinnvoll, zuerst mit dem Teil zu arbeiten, der sich überfordert und ungerecht behandelt fühlt.

Dieser Teil liegt näher an der Oberfläche. Er ist meist bewusst zugänglich.

Klienten sagen Sätze wie:

  • „Ich hab doch alles gegeben.“
  • „Ich wurde wieder nicht gesehen.“
  • „Ewig wird meine Leistung nicht anerkannt.“

Und das stimmt. Das ist ein realer Schmerz. Und es ist wichtig, diesen Schmerz zuerst ernst zu nehmen – bevor ich überhaupt daran denken kann, den anderen Teil ins Spiel zu bringen.

Denn der andere Teil – der, der in der Anmaßung ist – braucht mehr Ressourcen, mehr Selbstbeobachtung, oft auch mehr Mut. Und das hat einen ganz einfachen psychologischen Grund:

Wir Menschen empfinden es als deutlich akzeptabler, verletzt zu werden, als selbst verletzend zu wirken.

  • Es ist einfacher zu sagen: „Ich bin verletzt worden.“
  • Als zu spüren: „Vielleicht war mein Ton herablassend.“
  • Oder: „Vielleicht habe ich meinen Chef tatsächlich subtil abgewertet.“

Und doch ist beides Teil des inneren Systems. Und genau deshalb braucht es ein sauberes Pacing, eine gute Reihenfolge – damit innere Anteile sich überhaupt zeigen dürfen.

In meiner Arbeit beginne ich deshalb fast immer mit dem sichtbaren, erschöpften, überforderten Teil. Und wenn dieser Teil sich verstanden fühlt – erst dann kommt der Moment, in dem ich sage:

„Und jetzt schauen wir mal, ob es da vielleicht noch einen anderen Anteil gibt. Einen, der sich überlegen fühlt, kontrolliert und der manchmal mehr Distanz erzeugt, als ihm lieb ist.“


Wahrnehmung von Verantwortung bei Anmaßung

Und es gibt noch einen Punkt, der mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist.

 Wenn ein Klient – wie Martin – in dieser inneren Haltung ist, dass er es besser weiß als seine Vorgesetzten, dann ist das für ihn in dem Moment nicht eingebildet. Das ist seine innere Realität.

Und oft stimmt das ja auch in Teilen: Ja, vielleicht hat er tatsächlich mehr Erfahrung in bestimmten Bereichen. Vielleicht denkt er strategischer, handelt schneller, sieht klarer.

Und trotzdem – und das ist entscheidend – geht es dabei nicht um inhaltliche Überlegenheit, sondern um Rollenverständnis. In Organisationen haben Menschen bestimmte Rollen. Und Rollen bringen Verantwortung mit sich – und Entscheidungsbefugnis.

Martin kann als Geschäftsführer Vorschläge machen, klare Impulse setzen, mitdenken, gestalten. Aber wenn sein Vorgesetzter – in seiner Rolle als übergeordneter Entscheider – sagt: „Ich will das noch prüfen“, dann darf er das. Noch mehr: Das ist seine Aufgabe.

Und wenn Martin das nicht aushält, nicht respektiert, sondern innerlich denkt: „Der versteht es einfach nicht.“, dann sind wir nicht mehr in der Frage von Kompetenz, sondern in einem inneren Konflikt mit Autorität.

Und genau da kommt die systemische Perspektive ins Spiel: Dieses verschwommene Verständnis von Verantwortung, dieses „Ich muss das regeln, weil die da oben es nicht können“ – das ist typisch für parentifizierte Menschen.

Als Kinder mussten sie oft Verantwortung übernehmen, lange bevor sie reif dafür waren.

Sie haben früh erlebt: Wenn ich es nicht tue, passiert es nicht. Und genau deshalb entsteht im Erwachsenenleben oft diese Mischung aus Überforderung und Anmaßung: Einerseits zu viel Verantwortung spüren – andererseits sich selbst innerlich über andere stellen.

Und beides fühlt sich an wie Wahrheit. Doch in Wahrheit ist es eine alte innere Konstruktion – entstanden aus Loyalität, aus Angst, aus früher Not.

So Ihr Lieben, Ich merke gerade – diese Folge wird schon wieder länger, als ich eigentlich geplant hatte.

Und vielleicht weißt du ja: Ich versuche jede Folge des WildCast unter 45 Minuten zu halten. Nicht, weil ich es nicht länger spannend fände, sondern, weil ich weiß, dass du viel um die Ohren hast. Und dass es manchmal gar nicht so leicht ist, sich dir Zeit und Raum für persönliche Entwicklung freizuschaufeln. Deswegen mache ich lieber in der nächsten Folge mit dem Coaching von Martin und wie ich ihn darin unterstütze, sich aus seiner Anmaßung rauszuschaffen, weiter.

Denn das Thema „Anmaßung“ ist wirklich tief – und es betrifft oft eben gerade die Engagierten, Motivierten, die wirklich einen Beitrag leisten wollen und nicht wissen, wieso es trotz aller Leistung immer wieder scheitert. 

Also: Das Thema verdient Zeit zum Nachspüren.


Checkliste: Anmaßung im blinden Fleck?

Vielleicht hast du beim Zuhören schon ein leises Ziehen in der Magengegend  gespürt. So ein Gefühl von: „Hm… irgendwie kommt mir das bekannt vor. Vielleicht nicht genauso, aber… ich kenne das.“

Dann bleib gern noch einen Moment bei dir. Du musst nichts analysieren. Du musst nichts tun. Es reicht völlig, wenn du das einfach nur mal da sein lässt. Und wenn du magst, gebe ich dir jetzt noch eine kleine Handreichung mit – eine Mini-Checkliste, mit der du ganz für dich überprüfen kannst, ob dieses Thema Anmaßung vielleicht auch in deinem Leben eine Rolle spielt.

Ganz still, ganz für dich. Denn ich verspreche dir: Wenn dir gelingt, diese Haltung in dir selbst zu erkennen – und als das zu verstehen, was sie ist, nämlich ein Schutz, ein Kompensationsmuster – dann verändert sich oft sehr schnell, wie du kommunizierst. Und wie du wahrgenommen wirst.

Wie ich im Coaching ganz konkret mit Martin weiterarbeite, das erfährst du dann in der nächsten Folge. 

Dann hier eine kleine Handreichung – ganz diskret, bleibt ja unter uns. Eine kleine Checkliste, mit der du prüfen kannst, ob das Thema Anmaßung vielleicht auch in deinem Leben eine Rolle spielt – ganz ohne Wertung. Einfach nur als Spiegel.


🧭 Checkliste: Bist du manchmal (unbewusst) in der Anmaßung?

  1. Du denkst immer wieder: „Ich weiß genau, was jetzt zu tun wäre, aber keiner hört auf mich.“

…und das macht dich wütend oder hilflos.

  • Du empfindest Entscheidungen von Vorgesetzten oder Kolleg*innen häufig als sinnlos, langsam oder dumm. 

… selbst wenn du es nicht aussprichst, fühlst du dich deutlich überlegen.

  • Du erlebst es als Kränkung, wenn deine Vorschläge nicht sofort aufgegriffen werden.

…obwohl du sie doch durchdacht, vorbereitet und klar kommuniziert hast. Und sowieso der Meinung bist, dich in diesem Bereich besser auszukennen als dein Gegenüber?

  • Du hast innerlich das Gefühl, Dinge regeln zu müssen, auch wenn sie eigentlich nicht in deinen Aufgabenbereich fallen.

… und du fühlst dich dabei manchmal gleichzeitig überfordert und unersetzlich.

  • Du kennst den Gedanken: „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“

…und du fühlst dich dabei manchmal allein und im Stich gelassen.

Wenn du bei zwei oder mehr Punkten innerlich genickt hast: Willkommen im Club der Parentifizierten. Dann könnte es sein, dass auch du dich manchmal anmaßend verhältst. 

Dass du unbewusst immer noch aus einer alten Verantwortung heraus agierst – und dass genau das manchmal zu Missverständnissen, Konflikten oder auch zu innerer Erschöpfung führt.

Ganz wichtig dabei: Anmaßung ist eben keine Charakterschwäche. Es gab vielmehr vermutlich eine Zeit in deinem Leben, in dem sie eine wichtige Schutzfunktion ausübte.

Und sobald du das anerkennst, wird Veränderung leichter. Weil du dann nicht mehr gegen dich selbst kämpfst, sondern dich liebevoll in deiner Transformation unterstützt.


Abspann

Und wenn du das lernen willst – wenn du diese Arbeit nicht nur für dich selbst, sondern vielleicht auch für deine Klientinnen und Klienten machen willst: Dann komm in meine NLP-Practitioner-Ausbildung. Im September beginnt die viermonatige Kompakt-Ausbildung – 4×5 Tage. Und im November beginnt dann wieder die Wochenend-NLP-Practitioner-Ausbildung – 9×3 Tage. Der nächste Infoabend findet am 6. August statt. Ich stell dir den Anmelde-Link in die Shownotes.

Wenn du jemanden kennst, für den genau diese Folge hilfreich sein könnte – dann schick sie gern weiter.

Viele meiner Hörer*innen sagen mir: „Das war der Moment, an dem ich verstanden habe, worum es bei mir wirklich geht.“

Vielleicht wird es für jemanden in deinem Umfeld ja auch genau dieser Moment.

Und wenn du heute einen wertvollen Impuls mitgenommen hast, dann: Lass mir bitte unbedingt, unbedingt, unbedingt fünf Sterne da. Nicht nur, dass ich mich riesig darüber freue, sondern du hilfst damit auch anderen, diesen Podcast zu finden und vielleicht den entscheidenden Impuls zu erhalten, den es braucht, um die eigenen Themen anzugehen.

Kommentare und Feedback wie immer gerne direkt auf ITunes oder Spotify oder via Mail an info@wildwechsel.biz.

Ich freue mich immer, von dir zu hören.

Und ich freue mich, wenn du nächstes Mal wieder dabei bist – wenn ich dir erzähle, wie Martin den Ausstieg aus Parentifizierung und Anmaßung gelungen ist. 

Bis dahin: Alles Liebe. Alles Gute. 

Deine Susanne.

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Susanne (Lapp)