Wenn NLP plötzlich lebenswichtig wird

Wenn NLP plötzlich lebenswichtig wird

Inhaltsangabe

NLP & Krebs – ein bewegender Erfahrungsbericht von Daniela Hornung

Manchmal begegnen mir Arbeiten, die weit über eine Prüfung hinausgehen. So ist es mit der NLP-Masterarbeit von Daniela Hornung. Sie hat nicht nur gezeigt, wie tief sie die Methoden des NLP verstanden hat, sondern auch, wie kraftvoll diese Werkzeuge werden können, wenn das Leben selbst sie auf die Probe stellt.

Daniela auf Teneriffa
Daniela auf Teneriffa 2023

Daniela erhielt kurz nach ihrer NLP-Practitioner-Ausbildung die Diagnose Darmkrebs und sie hat in dieser Zeit NLP nicht als Theorie, sondern als tägliches Überlebens- und Lebensgestaltungstool genutzt. Vom Re-Imprint bis zur Timeline, vom Humor als Ressource bis zur Arbeit mit Glaubenssätzen: ihre Masterarbeit ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie NLP helfen kann, Krisen zu bewältigen und neue Lebenskraft zu finden.

Da es sich um eine NLP-Masterarbeit handelt, richtet sich der Text in erster Linie an Menschen, die bereits mit NLP vertraut sind.

Doch auch wenn du keine NLP-Kenntnisse hast, wirst du beim Lesen Gewinn daraus ziehen. Denn Daniela zeigt nicht nur Formate und Techniken, sondern vor allem, wie viel Souveränität, Selbstbestimmung, Mut und Kraft sie in dieser schwierigen Phase gewonnen hat.

Mit ihrer freundlichen Genehmigung darf ich die Arbeit hier veröffentlichen. Sie ist ein mutiger, persönlicher Erfahrungsbericht und gleichzeitig eine Einladung, NLP nicht nur als Methode, sondern als Lebenshaltung zu verstehen.


Meine Krebserkrankung und NLP – ein Erfahrungsbericht

Wie mich NLP seit der Diagnose bis jetzt begleitet und unterstützt

I Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich dem Leser vorstellen, in welcher Form und Intensität mich NLP speziell im Rahmen meiner Krebserkrankung und -bewältigung unterstützt und begleitet. Gleichzeitig mag es den einen oder anderen Betroffenen – sei es als Krebspatient oder aber als Angehöriger/Freund – inspirieren, sich mit diesen spannenden, hilfreichen Methoden der möglichen Veränderung auseinanderzusetzen und diese in seinen Alltag bereichernd zu integrieren.

Meine persönliche NLP-Reise begann im November 2021 mit der Ausbildung zum NLP-Practitioner. Dieser fand seinen Abschluss im Juni 2022, drei Monate vor meiner Darmkrebsdiagnose. Mitunter aufgrund der hilfreichen Erfahrungen aus dem Prac folgten im Jahr 2024 der Kurs „Heldinnenreise“, der System Coach und der NLP-Master, im Juni 2025 habe ich die Trainerprüfung absolviert.

Da manche NLP-Techniken in unterschiedlichen Stadien meines Genesungsprozesses besonders stark zum Tragen kamen, werden diese in dem jeweiligen Kapitel kontextbezogen benannt und beschrieben.

Doch was genau ist NLP?


II Neurolinguistisches Programmieren

II.1 NLP – der Ursprung und die Zielsetzung

Was ist NLP? Verschiedene Definitionen sind im Netz und in (Fach-) kreisen zu finden, was bereits an dieser Stelle zeigt: Der Grundgedanke des NLP, „jeder lebt in seinem Modell der Welt“, wird schon mit dieser Fragestellung erfüllt. Für den einen ist es Persönlichkeitsentwicklung, den anderen „A way of life“[1] und den nächsten wiederum eine manipulative Strategie.

Die Definition, mit der ich persönlich mich am meisten identifiziere, ist „die Lehre von der Struktur des subjektiven Erlebens“[2]. Ein Erleben, welches ich durch mein aktives Zutun beeinflussen und vor allem verändern kann.

Hierzu (für diese Prozesse) erstellten die beiden Gründer von NLP, Richard Bandler und John Grinder, in den 1970-er Jahren einen Methodenbaukasten, basierend auf Erkenntnissen der Psychologie, der Neuropsychologie, der Linguistik sowie der Systemtheorie, welcher in seiner Anwendung schnell und einfach zu positiven Ergebnissen führt[3].

Im Laufe der letzten Jahre bekam das Thema „Transzendenz & Spiritualität“ für mich eine weitere, ganz zentrale Rolle im Zusammenhang mit NLP und folglich inzwischen meinem ganzen Leben. Aber hierzu mehr in Kapitel 6 dieser Arbeit. 


II.2 NLP & Heilung

Grundsätzlich geht man beim NLP auch beim Thema „Heilung“ nach einem ganzheitlichen Ansatz vor, nämlich der Idee, dass Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden sind, sie bilden eine Einheit. Somit besitzen wir über unseren Geist die Fähigkeit, zu lernen und unsere Selbstheilungsprozesse auch auf körperlicher Ebene zu aktivieren. 

Selbstverständlich erhebt NLP nicht den Anspruch, schulmedizinische Behandlungen zu ersetzen, sondern bietet begleitende, unterstützende Ansätze und Techniken zur Verbesserung des körperlichen sowie mentalen Seinzustands.


III Die Diagnose und wie sage ich es meiner Familie? 

September 2022. Vor vier Monaten hatte ich meine von Cholerik, nicht vorhandener Wertschätzung und Druck geprägte Arbeitsstelle gekündigt und war bereit, meine neue alte Stelle im Vertrieb Südeuropa bei meinem ehemaligen Arbeitgeber am 04.Oktober 2022 wieder aufzunehmen. Meinen Resturlaub wollte ich zum Durchatmen sowie für die eine oder andere Routinekontrolle im Rahmen meiner Morbus Crohn- Erkrankung nutzen, unter anderem eine Darmspiegelung.

Um ein Haar hätte ich diesen Termin abgesagt – die Vernunft und das Schicksal haben mich aber dazu bewogen, mich wie geplant am 23.09.2022 der Untersuchung zu unterziehen. Schon während des Termins war etwas anders als sonst, sowohl die Ärzte als auch die Schwestern machten besorgte Gesichter. 

Nach einem trotz allem entspannten Wochenende kam bereits am Montag der Anruf aus der Praxis. Ich solle nachmittags vorbeikommen, der Chefarzt wolle mit mir sprechen. Gemeinsam mit meinem Mann saß ich um 16 Uhr vor dem Chefarzt, welcher mir mitteilte: „Es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Untersuchung zu dem Ergebnis Rektumkarzinom führte. Ich empfehle Ihnen, gleich morgen im Krankenhaus Kaiserslautern vorstellig zu werden, damit das Karzinom schnellstmöglich entfernt werden kann. Wir stellen Ihnen eine Einweisung aus.“   

Zunächst Stille von unserer Seite. Meinem Mann blieben die Gesichtszüge stehen und bei mir ging alles Mögliche blitzschnell durch den Kopf. Dann atmete ich tief durch und sagte mir: Okay, jetzt müssen wir handeln, und zwar überlegt und zielgerichtet. Instinktiv nahm ich die Hand meines Mannes und sagte dem Arzt, dass wir uns über die behandelnde Einrichtung, Therapie etc. noch Gedanken machen, ich also keinesfalls von jetzt auf nachher im Kaiserslauterer Krankenhaus aufschlagen werde (wir hatten hier schon die eine oder andere negative Erfahrung gemacht).

So weit, so erstmal gut. Die Recherche bezüglich einer Alternative verschoben wir auf später, denn jetzt stand erstmal eine viel wichtigere, bedeutsamere Aufgabe an: Unsere Tochter Leoni sowie meine Eltern mussten informiert werden (es war vorhersehbar, dass ein Anruf kommen würde, um sich nach den Ergebnissen der Darmspiegelung zu erkundigen).

Rückblickend ist mir klar, welche bedeutsamen Techniken mir in diesem Moment äußerst hilfreich waren.


III.1 Glaubenssätze

Während der Ausbildung zum NLP-Practitioner hatten wir uns schon ausgiebig mit Glaubenssätzen auseinandergesetzt. 

Im Rahmen unserer Übungen waren einige limitierende Glaubenssätze von mir zu Tage gekommen, darunter Dinge wie:

  • Ich muss mich um andere kümmern, damit es ihnen gut geht.
  • Sag‘ nicht, wenn dich etwas stört, sonst führt das zu Unmut und Streit.
  • Mach‘ den anderen keine Sorgen.
  • Du bist schuld, wenn es deiner Mutter schlecht geht.

Teilweise konnten wir diese im Rahmen der Ausbildung verändern, teilweise haderte ich noch an mancher Stelle.

Es gab natürlich auch unterstützende Glaubenssätze, welche ich zwar als anstrengend, aber trotzdem als positiv gewertet habe und größtenteils auch heute noch so werte. Einer davon ist: „Ich schaffe das.“

Ausgerüstet mit diesem Glaubenssatz, konnte ich meine in Tränen ausbrechende Tochter ganz fest in den Arm nehmen und ihr sagen: „Ich schaffe das. Ich werde wieder gesund, das verspreche ich dir.“ Mein Mann stand daneben, unserem Sohn habe ich es gedanklich gesagt (er war zu diesem Zeitpunkt ausgezogen und hatte den Kontakt abgebrochen). Mein Ziel war ganz klar gesetzt, die Sinnfrage – zumindest teilweise – beantwortet.

Es waren große Worte, aber ich habe nie daran gezweifelt, diesen Krebs zu überleben. Es war nie die Frage des „Ob“, sondern nur des „Wie“. Und daran war ich maßgeblich beteiligt, das war mir von vornherein klar. Die Frage „Warum gerade ich?“ kam nie auf. Es war vielmehr ein „Was ist schiefgelaufen, dass es so weit kam? Was muss ich in Zukunft ändern, wenn ich das hier über die Bühne gebracht habe?“

An dieser Stelle sei auf die DILTS-Pyramide und deren maßgeblichen (von mir unbewusst aktivierten) Einfluss auf den Prozess meiner Heilung verwiesen. Schematisch bildet sie folgende sechs Ebenen des Denkens & Handelns ab, welche im Laufe der Zeit alle in meinen Veränderungsprozess integriert wurden und werden:


III.2 Der Re-Imprint

Eine der prägendsten Interventionen meiner NLP-Reise war der Re-Imprint, den ich bereits während des NLP-Practitioner durchlaufen habe, also lange, bevor ich überhaupt wusste, wie sehr ich ihn einmal brauchen würde. Damals ging es um einen tiefsitzenden Glaubenssatz, der mich über Jahre begleitet hatte: „Wenn es dir nicht gut geht, dann geht es deiner Mutter nicht gut und sie kann nicht schlafen. Du bist schuld.“

In der Übung durfte ich diesen Glaubenssatz zu seinem Ursprung zurückverfolgen. Ich erinnere mich noch genau an die körperliche Reaktion, die das bei mir auslöste. Es war ein Gefühl von Scham, Druck, Schuld und gleichzeitig eine tiefe Erschöpfung. Ich konnte spüren, wie ich als Kind die Verantwortung für das emotionale Wohlbefinden meiner Mutter übernommen hatte. Im Re-Imprint durfte ich diese Verantwortung symbolisch zurückgeben an den richtigen Ort, nämlich an meine Mutter.

Dies geschah in einem wertschätzenden, sicheren Rahmen und ich erkannte, dass es nie meine Aufgabe gewesen war, das emotionale Gleichgewicht anderer zu regulieren.

Diese Erfahrung hat sich in meinem Innersten verankert. Und als die Krebsdiagnose kam, konnte ich instinktiv auf genau dieses Erleben zurückgreifen: Ich bin nicht verantwortlich für die Gefühle anderer. Ich darf bzw. muss mich jetzt um mich kümmern, ganz und gar. Es war, als hätte ich mir in jenem NLP-Practitioner-Seminar vorweg eine emotionale Notfallausrüstung gebaut, auf die ich im Ernstfall zurückgreifen konnte.

Dieser Re-Imprint hatte mir ermöglicht, eine neue innere Haltung zu entwickeln, nämlich in das Vertrauen in die Resilienz meiner Familie. Ich musste meine Tochter nicht beschützen, indem ich sie von der Wahrheit fernhielt, sondern ich konnte sie in den Arm nehmen, ehrlich sein und trotzdem stark bleiben. Ich musste nicht in alte Muster verfallen, die mich klein machten. Auch meine Mutter wollte und konnte ich nicht schützen, ich hätte ihr meine Krankheit verheimlichen müssen, was niemals in Frage gekommen wäre. Und ich konnte es ihr erzählen, ohne Angst vor der Reaktion zu haben, welche, zumindest mir gegenüber, auch ausblieb.


III.3 Grenzen setzen

Ein weiteres zentrales Thema auf meinem Weg war das Setzen von Grenzen, und zwar innerlich wie äußerlich. Die Diagnose hatte mich mit einer Wucht getroffen, die keinen Platz mehr ließ für Überforderung durch andere Menschen. Ich musste klar sagen: „Bis hierhin – und nicht weiter.“

Innerhalb meiner Familie war das gar nicht so einfach. Ich habe früh gespürt, dass ich keinen Raum für ständige Telefonate oder aufgeregte Fragen hatte, so gut gemeint sie auch waren. Es war mein Prozess, mein Körper, meine Genesung. Und die brauchte Ruhe. Nicht Diskussionen, Betroffenheit oder gar starke Trauer. 

Ich erinnerte mich an eine NLP-Übung im Practitioner mit Ana zum Thema innere Klarheit und Selbstpositionierung. Diese Übung habe ich später immer wieder innerlich wiederholt: Ich schloss die Augen und stülpte einen sehr schweren, dunkelweinroten Samtvorhang über mich. Den band ich oben sehr fest zu und trat unten mit meinen Füßen drauf, so dass nichts zu mir durchdringen konnte. Dies war mein schützender Raum um mich herum, eine Art energetische Membran, durch die nur das hindurchkommen durfte, was ich zuließ. Alles andere musste draußen bleiben. Keine Erklärungen, kein schlechtes Gewissen, kein inneres Rechtfertigen. Nur ein klares Nein.

Auch meinem Sohn gegenüber, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt keinen Kontakt hatte, konnte ich durch diese Arbeit in die Akzeptanz gehen. Immer wieder sagte ich mir, dass ich nicht für das verantwortlich bin, was er und seine damalige Partnerin für sich entschieden haben. Der Verstand, dass dies ein Schutz von ihm war, konnte meine tiefen Emotionen zwar entschleunigen, aber nicht völlig zur Ruhe bringen.

Deshalb habe ich mir hierfür eine weitere Grenze eingebaut und den Vorgarten von Susanne stibitzt. Ein grüner, breiter Rasen mit ganz vielen Blumen und vorne einem Holzlattenzaun. Hier durfte ab jetzt keiner mehr durchspazieren und womöglich noch meine Blümchen tottrampeln, auch meine Mutter nicht. Und interessanterweise, als hätte sie es gespürt, hat sie es in dieser Zeit auch nicht gemacht bzw. nicht probiert. Offensichtlich strahlte meine Haltung aus, dass ich jetzt nicht alles erzählen und auch nicht beschützen möchte. 

Diese Grenzarbeit war für mich kein Abschneiden, sondern ein Akt der Selbstfürsorge. Sie half mir, meine Energie zu bündeln. Nicht in Form von Egoismus, sondern in Form von Klarheit. Ich wollte kein Opfer sein. Nicht in der Rolle der Erkrankten und auch nicht im zwischen-menschlichen Drama.

Ich wollte würdevoll, geistesgegenwärtig und aufrecht durch diese Zeit gehen. Und das ging nur mit klaren äußeren und inneren Grenzen.


IV Pre-operative Phase und die Operation

IV.1 Meine Timeline (zunächst bis März 2023)

Noch bevor ich den Begriff Timeline bewusst kannte, hatte ich unbewusst bereits eine innere Struktur geschaffen, die mir Halt gab. Nach der Diagnose stand für mich fest, dass ich leben werde. Ich habe die feste Entscheidung getroffen, diesen Weg zu gehen und das mit allem, was dazugehört.

In meinem Kopf entstand ein Bild, das ich sozusagen Schritt für Schritt abarbeitete: Eine gerade Linie, die vom Zeitpunkt der Diagnose zunächst bis März 2023 reichte. An ihrem Ende befand sich ein brauner Kasten, mein persönliches Symbol für die Zeit danach, in der ich wieder ganz normal arbeiten gehen würde. Also für eine Zukunft, die ich aktiv gestalten würde.  

Jeder Monat davor hatte eine eigene Farbe, eine eigene Bedeutung: Zuerst die Bestrahlung über sechs Wochen (gelb), sowie parallel dazu zwei Blöcke Chemotherapie à fünf Tage im stationären Setting (mittelblau). Anschließend eine sechswöchige Pause (graublau), bevor es zur Operation und der Zeit im Krankenhaus (orange) ging. Die Zeit von nach der OP bis März war mittel-bis dunkelgrün.

Ich lebte und dachte von Etappe zu Etappe. Diese Zeitlinie half mir, die Kontrolle über den Prozess zu behalten, und zwar mental, emotional und auch körperlich. Es fühlte sich an, wie einen Haken nach dem anderen zu setzen. Jeden Haken erlebte ich als mein kleines, persönliches Erfolgserlebnis auf dem Weg zum Endziel.


IV.2 Ressourcenarbeit über alle Repräsentationssysteme

IV.2.1 Was sind Rep-Syteme? 

Im NLP wird davon ausgegangen, dass wir die Welt über unsere Sinneskanäle wahrnehmen und abspeichern. Diese Repräsentationssysteme – visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch (kurz VAKOG) bilden die Grundlage unseres inneren Erlebens. Sie sind die Filter, durch die wir Erinnerungen abrufen, Gefühle verankern und neue Erfahrungen gestalten.


IV.2.2 Wie werden über die Rep-System Ressourcen aktiviert und was sind Ressourcen?

Ressourcen sind all die inneren Fähigkeiten, Erinnerungen und Stärken, die uns in schwierigen Situationen tragen. Über die Rep-Systeme können diese bewusst angesprochen und aktiviert werden, sei es durch ein inneres Bild, ein vertrautes Lied, einen Geruch, eine Körperbewegung oder den Geschmack einer bestimmten Speise. Indem wir unsere Sinne gezielt einsetzen, holen wir uns Zugang zu positiven Zuständen und stärken unser inneres Fundament.


IV.2.3 Welche Ressourcen habe ich aktiviert und wie haben sie mir geholfen?

Die Ressourcenarbeit aus dem NLP-Practitioner war mir zum Zeitpunkt der Diagnose noch sehr, sehr präsent. Vor allem in der präoperativen Phase war es mir wichtig, nicht in eine Schockstarre oder ins bloße Warten zu verfallen. Ich wollte mein Leben lebendig gestalten und meine Sinne bewusst mit Eindrücken und Erlebnissen füttern, die mich stärkten.
So habe ich Dinge getan, die lange liegen geblieben waren und gleichzeitig Freude machten. Als erstes strich ich unseren Hausflur, der es bitter nötig hatte. Die Sonne schien herein und ich war sehr stolz auf das Ergebnis.

Außerdem nutzte ich die Herbstsonne und pflegte stundenlang meine Pflanzen im Garten. Für mich ein Gefühl tiefer, innerer Zufriedenheit und Ruhe, eine Art Erdung.  Zwischendurch bereitete ich mir etwas Leckeres, Gesundes zu essen und gönnte mir eine Mittagspause, meistens auf dem Sofa mit einem guten Buch in der Hand. Diese Ressource des Lesens entdeckte ich nicht nur in der präoperativen Phase wieder für mich, sondern auch ganz intensiv im Krankenhaus. Das Abtauchen in eine andere Welt unterstützte mich enorm darin, alles um mich herum besser abzuschirmen und mir meine andere, positive Welt zu bauen.

Außerdem nahm ich den Tipp einer Freundin an, auch im Krankenhaus mein Wohlbefinden in rein äußerlicher Form zu unterstützen. Konkret ging es um Kleidung, denn ich hatte mir die Frage gestellt, wie viele Schlafanzüge und Jogginghosen wohl für einen längeren Aufenthalt in der Klinik benötigt werden? Das Ergebnis war anders. Ich kaufte mir auf diesen Rat hin praktische, gemütliche, aber auch schöne Sachen, die mir Selbstwert und Normalität vermittelten. Das ging sogar so weit, dass mir die Tochter einer Zimmermitbewohnerin das Kompliment machte, „du siehst gar nicht krank aus.“ Das kann man jetzt so und so sehen, hat aber meine Ressource „Stolz“ in diesem Moment schon aktiviert.  

Ein weiteres Ritual wurde die Musik. Jeden Abend habe ich in dem Partykeller unseres Sohnes getanzt. Ich habe mich von Lieblingsliedern tragen lassen und dabei kraftvolle Bilder in mir aufgerufen. Schöne Erinnerungen aus der Vergangenheit und Pläne für meine Zukunft. Genannt seien hier diverse Konzerte und vor allem auch mein Ziel, Bruce Springsteen im Mai 2023 zusammen mit meinem Vater live in Rom zu erleben, die Tickets lagen schon bereit.

Begleitet wurden diese Abende wurde von einer WhatsApp-Gruppe „Unsere Lieblingssongs“, die ich mit meinem Vater und meinem Onkel gründete. Jeder neue Song war wie ein kleiner Funken Freude, der mich an meine Verbindung zu ihnen erinnerte.

Auch Ausflüge zählten zu meinen Ressourcen. So nutzten mein Mann und ich das Wochenende vor der Operation für einen Kurztrip in den Schwarzwald. Ich war von der Chemotherapie und der Bestrahlung zwar schon sehr geschwächt, aber wir genossen jeden Augenblick in der Sonne bei schönen, gemütlichen Spaziergängen. Einfach so, wie es die Kraft zuließ, draußen in der Natur.

Diese Zeit war für mich ein inneres Aufladen, ein bewusster Gegenpol zu all den Terminen und medizinischen Abläufen sowie eine ganz tiefe Verbundenheit zu meinem Mann.  On top gab es ein superleckeres Frühstück von der Vermieterin auf einem herrlichen Servierwagen ins Zimmer gebracht. Noch heute läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an den Geruch der frischen Brötchen und den Geschmack der diversen Beläge denke. 

All diese kleinen wie großen Schritte gaben mir nicht nur Halt, sondern auch Energie. Über meine Sinne konnte ich mich immer wieder mit Freude, Lebenskraft und Zuversicht verbinden. Es waren Ressourcen, die ich als sehr starkes Fundament in die Operation und in alles, was danach kam, mitnahm.


IV.3 Ankersetzen

Das Ankersetzen ist eine der einfachsten und gleichzeitig wirkungsvollsten Methoden im NLP. Es ermöglicht, positive Zustände bewusst abzurufen und sich in herausfordernden Situationen gezielt mit Ressourcen zu verbinden. Gerade in der präoperativen Phase war diese Technik für mich eine wertvolle Stütze, um Ruhe und Sicherheit zu finden.

Mein erster starker Anker entstand bereits während des NLP-Practitioners und begleitet mich bis heute. Ich habe das große Glück, eine Schwiegermutter auf Ibiza zu haben, sodass ich viele Urlaube dort verbringen durfte. Dieser Ort ist für mich untrennbar mit Entspannung, Wärme und Lebensfreude verbunden.

Wenn ich meinen Anker aktiviere, liege ich innerlich am Strand, die Augen geschlossen. Die Sonne wärmt meinen Körper, ich höre und rieche das Meer sowie die Sonnencreme auf meiner Haut. Ein Stück entfernt unterhält sich eine spanische Familie lebhaft, während aus dem Strandlokal der Duft von gegrilltem Fisch und Gambas herüberzieht. Auf der einen Seite von mir liegt ein Buch im Sand, und auf der anderen Seite sitzt mein Mann. Dieses Bild ist so stark in mir verankert, dass es sofort ein Gefühl von Geborgenheit und innerer Ruhe auslöst. Fast, als würde ich gleich einschlafen.

Diesen Anker habe ich in vielen kritischen Momenten bewusst eingesetzt. Vor MRT-Untersuchungen, bei denen mir die Enge Schwierigkeiten bereitete, ebenso vor den zahlreichen Operationen oder anderen belastenden Terminen. Immer dann, wenn Angst oder Unruhe drohten, konnte ich mich über diesen Anker unmittelbar mit einem positiven inneren Zustand verbinden. Er war und ist für mich ein verlässlicher Begleiter, der mir zeigt, dass ich jederzeit die Möglichkeit habe, mich innerlich zu stabilisieren.


IV.4 Tagträume und Swish-Technik

Tagträume und die Swish-Technik sollten nicht nur in der präoperativen Phase eine bedeutsame Rolle spielen. Einen Teil meiner Tagträume nutzte ich, um meinen Anker noch lebendiger werden zu lassen. Meine große Leidenschaft, das Reisen, wurde regelmäßig in Tagträumen nochmal durchlebt, geplant und neu entwickeIt.  Ich stellte mir nicht nur das Ibiza-Bild vor, sondern erweiterte es innerlich. 

In meiner Phantasie unternahm ich Reisen, die mir Hoffnung und Vorfreude gaben. So plante ich zum Beispiel meine Reise im Mai 2023 zu Bruce Springsteen nach Rom, die Tickets lagen schon bereit. Besonders eindrucksvoll war hierbei, dass ich meine auditiven Sinneskanäle voll und ganz ausschöpfen konnte. Der Stadtbummel war unterlegt durch Musik, was mir zusätzlich das Gefühl von Lebendigkeit und Freiheit verlieh

Ebenso spielte der Traum meines Mannes und mir einer vierwöchigen Kubareise eine große Rolle. In meiner Vorstellung schnorchelte ich an Korallenriffen, besuchte das Versteck von Ché Guevara und fuhr mit einem alten Benz über die Insel. Diese inneren Bilder, ja fast schon Filme, unterstützten mich darin, lebensfroh in eine Zukunft voller Abenteuer und Lebensfreude blicken zu können. Irgendwann ließ ich mir dann sogar den bereits gekauften Reiseführer ins Krankenhaus bringen.  

Ein kleineres, aber aus meiner Sicht gutes Beispiel ist die Phantasiereise, die ich in folgender Situation entwickelte: Während eines längeren Aufenthalts (Darmverschluss) im Juli 2023 im Krankenhaus Zweibrücken, welches mitten in der Stadt liegt, war vier Tage lang Stadtfest. Mit allem, was dazu gehört. Es waren um die 35 Grad, nachts eine unwesentliche Abkühlung, so dass an geschlossene Fenster nicht zu denken war. Ohrstöpsel brachten nicht viel, ein normaler Schlaf war folglich nahezu unmöglich.

Auch hier setzte ich die Swishtechnik ein. Anstatt zu verzweifeln, swishte ich dieses hilflose Gefühl weg beziehungsweise machte es kleiner. Ich beschloss, mich mental mit den ganzen Feiernden an einen Tisch zu setzen und verabredete mich mit einem Schmunzeln mit den Krankenschwestern zum Stadtfest 2024. Dann strich ich in meinen Gedanken durch die Straßen voller fröhlicher Menschen, roch die Leckereien und schlief irgendwann ein.

Auch andere Sorgen, wie etwa die Enge im MRT oder Angst vor einer Operation, veränderte ich des Öfteren gezielt. Ich ließ diese Situationen vor meinem inneren Auge schrumpfen, blasser werden und nur ganz wenig Raum einnehmen. Gleichzeitig baute ich meinen Anker-Tagtraum weiter aus, indem ich ihn größer, heller und kraftvoller machte. So konnte ich belastende Vorstellungen bewusst wegwischen und sie durch kraftvolle Ressourcen ersetzen. Die Swishtechnik war für mich eine Art innere Reinigungsbewegung. Weg mit Negativem und Platz für Stärke und Vertrauen in mich selbst.


IV.5 Assoziation vs. Dissoziation

Assoziation und Dissoziation sind zwei unterschiedliche Arten, eine Situation innerlich wahrzunehmen. Assoziiert bedeutet, dass ich das Erleben durch meine eigenen Augen wahrnehme, mitten im Geschehen, mit allen Sinnen, intensiv und gefühlvoll. Dissoziiert hingegen bedeutet, dass ich innerlich einen Schritt zurücktrete und mich oder die Situation von außen betrachte. Dadurch werden Gefühle weniger überwältigend, und ich gewinne Abstand und Kontrolle.

Beide Zustände waren für mich in allen Phasen hilfreich, nur eben in unterschiedlichen Kontexten. In belastenden Momenten, etwa bei Untersuchungen oder wenn Ängste zu stark wurden, half mir die Dissoziation. So konnte ich das Geschehen mit mehr Abstand betrachten, Ruhe bewahren und handlungsfähig bleiben.

Ein Beispiel dafür war das Setzen des PORT. Ich lag ohne Narkose unter einem OP-Tuch, und es kam zu Komplikationen, weil meine Venen sehr dünn waren. Zunächst versuchte ich, meinen Anker und meine Tagträume zu nutzen, doch irgendwann reichte das nicht mehr. In diesem Moment dissoziierte ich mich ganz bewusst. Ich hörte dem Arzt zu, wie er von seinem Skiurlaub erzählte, und war gedanklich, zumindest zeitweise, weit weg von der belastenden Situation des Eingriffs. Ähnlich erging es mir beim Legen von Braunülen, ein wiederkehrendes Thema. Da meine Venen schwer zugänglich waren, musste ich oft gestochen werden, bis die Braunüle saß. Irgendwann blieb mir nur noch, die Augen zu schließen und innerlich ganz weit wegzufliegen. Auf diese Weise konnte ich mich selbst kaum noch wahrnehmen und die Prozedur einigermaßen ruhig überstehen.

In meinen Tagträumen und Ressourcenbildern hingegen war ich ganz bewusst assoziiert. Ich wollte die Wärme der Sonne spüren, den Duft des Meeres riechen, die Musik hören. Ich war jedes Mal mit allen Sinnen mitten im Erleben. Diese Assoziation gab mir Kraft, Freude und Hoffnung. Auch bei den Besuchen meiner Familie genoss ich die Gespräche, das Lachen und die schönen Momente in vollen Zügen.

Für mich war es daher ein Wechselspiel zwischen Dissoziation zum Schutz und Assoziation zum Auftanken. Beides war wichtig, um meinen Weg mit Balance zu gehen und flexibel zwischen Abstand und Nähe zu wählen.


IV.6 Aktivierung meines Humors

IV.6.1 Mein Humor

Humor war und ist eine meiner stärksten Ressourcen und vielleicht tatsächlich etwas, das mir „in die Wiege gelegt wurde“. Inmitten all der medizinischen Maßnahmen, der Krankenhausaufenthalte und emotionalen Achterbahnfahrten war mein Humor mein inneres Geländer. Er hat mir geholfen, eine Haltung zu bewahren, die nicht zynisch, aber auch nicht überdramatisiert war.
Ich habe früh gespürt, dass es mir emotional deutlich besser geht, wenn ich mir selbst und den Umständen mit einem Augenzwinkern begegnen kann. Natürlich war die Situation ernst, und dennoch wollte ich nicht in ihr versinken. Ein Beispiel: Das Abendessen im Krankenhaus war sicherlich kein kulinarisches Highlight. Doch statt mich zu beschweren oder innerlich zu resignieren, kommentierte ich es oft mit einem freundlichen Lächeln und einem humorvollen Satz wie: „Hm, quelle délicatesse. Dann lassen wir es uns mal schmecken.“
Solche kleinen Bemerkungen, bewusst ohne Boshaftigkeit, haben nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld Erleichterung verschafft. Humor war für mich kein Verdrängen, sondern ein bewusstes Transformieren. Ich gab der Schwere einen Rahmen und mittendrin Platz für Leichtigkeit. Gerade in Gesprächen mit Angehörigen oder Mitpatientinnen war das oft ein Türöffner. Ich konnte zeigen, dass ich das hier ernst nehme, aber nicht Willens bin, daran kaputt zu gehen.


IV.6.2 Aufbau von Rapport

Rapport – also die Verbindung zu sich selbst und zu anderen – war in dieser herausfordernden Zeit ein essenzieller Bestandteil meiner Selbstregulation und Beziehungspflege. Besonders spannend war für mich, wie leicht mir dieser Rapport über Humor gelang.
Ein prägendes Beispiel ist meine Zeit mit Claudia, meiner Zimmernachbarin während der pre-operativen Chemotherapie. Wir verstanden uns von Beginn an blendend und schufen gemeinsam eine Atmosphäre, die sogar den Schwestern auffiel: „Ihr seid das lustigste Zimmer auf der ganzen Station.“ Dieses Kompliment war mehr als nur nett. Es war Ausdruck einer tiefen Verbindung, die trotz der Schwere des Alltags Raum für Lachen ließ.
Auch im Kontakt mit dem medizinischen Personal zeigte sich mein Bedürfnis, eine menschliche Verbindung aufzubauen. Vor jeder Operation wurde ich gefragt: „Wissen Sie, weshalb Sie da sind und was gemacht wird?“ Eine sicherlich notwendige Frage, die in ihrer Absurdität aber auch komisch wirkte. Beim ersten Mal war ich konsterniert über diese Frage und konnte mir ein Schmunzeln und die Gegenfrage, ob das jetzt ernst gemeint sei, oder ob man mich hoppnehmen, nicht verkneifen. Bei den nächsten Malen griff ich vorweg und erzählte gleich alles ungefragt. Die OP-Pfleger mussten in beiden Fällen ebenfalls lachen und in genau diesen Momenten entstand Rapport. Keine Maske, keine Distanz, sondern echtes Menschsein.

Rapport bedeutete für mich, nicht nur Verbindung zu anderen aufzubauen, sondern auch mit mir selbst in gutem Kontakt zu bleiben. Mein Humor war dabei wie ein Brückenbauer zwischen Innen und Außen, also zwischen mir und der Welt.


IV.6.3 Reframing

Eine meiner wirkungsvollsten Methoden zur emotionalen Entlastung war das Reframing, also das bewusste Umdeuten einer belastenden Situation. Dabei habe ich besonders zwei zentrale „Mitbewohner“ meiner Krebsreise in neue Rollen versetzt: Mein Stoma[4] bekam den Namen „Fridolin“ und die tragbare Chemotherapie-Kugel wurde zu „Hermine“. 

Diese bewusste Benennung hatte weit mehr als humoristische Qualität. Sie war für mich ein kraftvolles Werkzeug, um die Kontrolle zurückzugewinnen, wobei ich das zum damaligen Zweitpunkt nicht bewusst so eingesetzt habe. Durch das Vergeben eines Namens wurde aus einem bedrohlichen medizinischen Gerät etwas, das ich aktiv ansprechen, in meine Sprache integrieren und sogar mit einem gewissen Augenzwinkern betrachten konnte. „Fridolin braucht Aufmerksamkeit“ oder „Hermine strengt mich heute an“ – solche Sätze machten es mir leichter, offen über das zu sprechen, was da körperlich mit mir geschah, ohne dass es jedes Mal nach Krankheit klang.

Vor allem aber konnte ich über diese Namen mit ausgewählten Menschen kommunizieren, ohne alles erklären zu müssen. Wer eingeweiht war, wusste, wovon ich sprach. Wer nicht, bekam nur beiläufig mit, dass ich mich offenbar in einer besonderen Lebenssituation befand. Diese Art des Umgangs schuf Raum für mehr Unbeschwertheit, sozusagen eine Art Insel des Humors im medizinischen Alltag.

„Fridolin“ und „Hermine“ bekamen fast eine eigene Identität. Sie wurden zu Reisebegleitern und nicht zu Feinden, die ich bekämpfen musste, sondern zu Figuren, mit denen ich umgehen konnte. Wenn ich alleine oder im Kreise meiner Familie war, dann sprach ich sogar mit ihnen, vor allem mit Fridolin. Dieses Reframing war ein innerer Perspektivwechsel, denn ich war nicht mehr nur Patientin, sondern aktive Gestalterin meines Erlebens. Gleichzeitig zauberte es auch fast immer ein Lächeln auf die Lippen der mit Nahestehenden. Offensichtlich war es auch für sie hilfreich und schön zu sehen, dass ich mich meinem Schicksal nicht tiefleidend ergab, sondern mir meinen Humor auch in dieser Situation erhalten konnte.

In der Rückschau erkenne ich, wie viel Energie mir dieses bewusste Umdeuten geschenkt hat. Es war ein stiller, aber entschiedener Schritt weg von der Ohnmacht hin zu Selbstwirksamkeit, Humor und menschlicher Würde.


IV.7 Teilearbeit

Teilearbeit bedeutet, innere Persönlichkeitsanteile wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Jeder Teil – ob ängstlich, stark, zweifelnd oder lebensfroh – verfolgt eine positive Absicht. Ziel ist es, diese Anteile miteinander zu versöhnen und ihre Stärken bewusst zu nutzen.

Eine besondere Form der Teilearbeit zeigte sich für mich bereits in der Benennung meines Stomas und der tragbaren Chemotherapie-Kugel. Indem ich sie „Fridolin“ und „Hermine“ nannte, bekamen sie, wie bereits geschrieben, eine eigene Identität und wurden zu Begleitern auf meinem Weg. Diese bewusste Personalisierung war für mich mehr als Humor oder reines Reframing, sondern es war auch Teilearbeit. Ich konnte mit Fridolin und Hermine in einen inneren Dialog treten, ihnen einen Platz geben und so die Beziehung zu meinem Körper neugestalten. 

Darüber hinaus habe ich verschiedene innere Anteile in mir wahrgenommen, die sich in dieser Zeit regelmäßig gezeigt haben. Jeder von ihnen hatte eine positive Absicht und half mir auf seine Weise, mit der Situation umzugehen. Gleichzeitig half mir allein das Erkennen der Tatsache, dass hier jetzt gerade ein ganz unbequemer Teil in den Vordergrund tritt, in Aktion zu kommen und mit ihm in den inneren Austausch zu treten.

Sehr ausgeprägt war meine starke Seite. Sie sagte mir: „Ich schaffe das. Ich gehe da durch.“ Dieser Teil gab mir Mut, Zuversicht und Durchhaltevermögen. Er hat mich getragen und war oft der Anker, auf den ich mich verlassen konnte. Oft war dieser Teil verbunden mit der fürsorglichen Seite in mir. Sie übernahm nicht nur Verantwortung für mich, sondern auch für meine Familie. So war es mir sehr wichtig, vor allem meiner Tochter und meinem Mann zu zeigen, dass ich mich nicht aufgebe und gehen lasse.

Ganz präsent habe ich hierbei die Situation im Kopf, als ich mich, 3 Tage nach der 8-stündigen OP, aus dem Bett gequält habe und mühsam die ersten Schritte am Rollator lief. Ich schaffte es bis in den Flur und wusste, dass vermutlich jeden Moment meine Tochter Leoni um die Ecke biegen würde, um mich zu besuchen. Und so war es auch. Voller Glück rief sie nur „Mama!“. Natürlich war nicht nur sie glücklich, denn neben meinem eigenen Weg ging es auch immer um die mir wichtigen Menschen um mich herum. Mein schwacher Teil wäre auf jeden Fall lieber liegenbleiben, als sich der Strapazen des Aufstehens zu stellen. Doch durch den inneren Dialog mit allen drei oben genannten Teilen ergab sich ein ganz tolles Ergebnis.  

Parallel dazu gab es den ängstlichen Teil, der immer wieder aufpoppte. Er meldete sich mit Sorgen und Zweifeln: Was, wenn die Operation nicht erfolgreich verläuft? Was, wenn Komplikationen auftreten? Wenn das Karzinom nicht vollständig entfernt werden kann? Die positive Absicht dahinter war klar. Meine Angst wollte mich schützen, mich vorbereiten und vorsichtig in meiner Erwartungshaltung sein lassen. Auch wenn sie manchmal sehr laut war, konnte ich sie wahrnehmen und ihr gleichzeitig Grenzen setzen, damit sie nicht das Steuer übernahm.

Relativ am Ende aller durchlaufenen Operationen und Rückschläge kam dann öfter auch meine zweifelnde Seite hoch. Sie fragte: Was kommt noch alles? Hört das irgendwann auf? Wie viele Komplikationen kommen noch? Dieser Teil half mir, kritisch zu prüfen, genauer hinzuschauen, auf das, was ich schon alles geschafft hatte, und realistisch zu bleiben. Auch wenn er Unsicherheit mit sich brachte, war er doch wertvoll, weil er mich bewusster und achtsamer machte. Als Beispiel für diese Achtsamkeit: Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es mir nicht mehr wichtig, ab wann ich wieder arbeiten gehen konnte. Ich wusste, ich musste die Dinge jetzt so annehmen, wie sie kommen und es mir zugestehen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mein gelassener, weiser Teil von zentraler Bedeutung. Durch seine Aktivierung konnte ich inneren Abstand nehmen, Vertrauen in mich und meine Umwelt haben und mir innere Ruhe schenken. Er war die Stimme, die mir immer wieder sagte, dass alles gut wird, Schritt für Schritt. Ihm gab ich auch eine hörbare Stimme. In den vielen Stunden des Alleinseins in unserem Haus sagte ich mir immer wieder: “Mach langsam, Daniela, das wird. Eins nach dem anderen. Habe Geduld mit dir.“

Dieser letzte, von mir selbst an mich gerichtete Satz, hatte ein paar Wochen vorher eines der wenigen Male meine wütende Seite in mir hervorgerufen. Nach der siebten OP, zahlreichen Wochen im Krankenhaus und inzwischen 1,5 Jahren seit der Diagnose bat ich den Oberarzt um Entlassung. Seine Antwort war: „Das geht noch nicht, Sie müssen Geduld mit sich haben, Frau Hornung.“ In dem Moment musste ich schwer an mich halten, nicht eine unpassende Antwort zu geben. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich dann eine Runde an die frische Luft.

Unendlich dankbar bin ich für den in mir wohnenden, sehr präsenten und lebensfrohen Anteil. Er wollte tanzen, lachen, reisen, Musik hören, lesen, gärtnern, ausgehen. Er sprach aufmunternd mit anderen Patienten, machte Scherze mit den Schwestern und Pflegern und zeigte mir immer wieder, dass Freude auch mitten in Krankheit und Therapie möglich ist. Es war nicht immer selbstverständlich, ihn zu aktivieren, aber mit all den bereits erläuterten Techniken gelang es mir oft, ihn in den Vordergrund zu bringen. Manchmal zwar mit einer guten Portion Sarkasmus oder Selbstironie, aber wenn es hilft? Ich behaupte, dass dieser Teil ganz wesentlich zu meiner Genesung beigetragen hat und immer noch tut.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf einen Teil zurückkommen, den ich bis dato völlig aus dem Bewusstsein verdrängt hatte. Meinen hilflosen, vertrauenden Teil. Nicht im Sinne einer Opferrolle zu verstehen, sondern im Sinne von kompletter körperlicher Hilflosigkeit. Ich konnte zeitweise schlicht und ergreifend nicht allein aufstehen, oder allein das Stoma wechseln, oder allein zur Chemo fahren, zahlreiche weitere Beispiele könnten folgen.

Ich habe es akzeptiert bzw. akzeptieren müssen und mich den Menschen, die mir halfen, anvertraut. Den Ärzten, den Schwestern &Pflegern, meiner Familie. Es hat funktioniert. Ich konnte mich auf sie verlassen. Diese Erfahrung, dieses Zulassen, hat in mir unglaublich viel bewirkt und ich sehe als enormes, persönliches Geschenk.   

Diese innere Vielfalt habe ich nicht als Zerrissenheit erlebt, sondern als Stärke. Je nach Situation konnte ein anderer Teil in den Vordergrund treten – mal zum Schutz, mal zur Motivation, mal zur Freude. Die bewusste Wahrnehmung und das innere Zusammenspiel dieser Teile haben mir geholfen, meinen Weg ausgewogen und ressourcenvoll zu gehen.


V Post-operative Therapie & Komplikationen 

V.1 Postoperative Chemotherapie

Das Ergebnis der Gewebeproben nach der Operation brachte ein ernüchterndes Resultat. Von 15 entnommenen Lymphknoten war einer befallen. Aufgrund meines noch jungen Alters beschloss die Tumorkonferenz, dass ich mich einer postoperativen Chemotherapie unterziehen sollte. Diese Nachricht traf mich völlig unerwartet. Sie fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, denn ich hatte fest damit gerechnet, ab März wieder arbeiten gehen zu können.

Besonders belastend war die Ungewissheit in den ersten drei Wochen nach diesem Befund. Niemand konnte mir sagen, wie oft und wie lange die Therapie dauern würde. Ich hing regelrecht in der Luft, ohne klare Perspektive. Erst drei Wochen später wurde ich stationär aufgenommen, für das Setzen des Ports und die erste Chemotherapie. Der Plan sah schließlich acht Zyklen im Abstand von jeweils 14 Tagen vor, jeweils drei Tage am Stück. Zum Glück konnten die weiteren Zyklen ambulant durchgeführt werden. Danach war eine mindestens achtwöchige Pause vorgesehen, bevor die Rückverlagerung des Stomas erfolgen sollte.


V.1.1 Überarbeitung der Timeline

Mit dieser neuen Situation musste ich auch meine innere Timeline überarbeiten. Der ursprünglich braune Monat März, der für meinen beruflichen Wiedereinstieg stand, konnte so nicht eintreten. Also verlängerte ich die Linie rechnerisch bis Juli, nach der geplanten Rückverlagerung des Stomas. Mein neues Ziel war es, im September wieder arbeiten zu gehen.

Die Zeit der Chemotherapie bis Mitte Mai erschien mir zunächst wie eine schwabbernde, gräuliche Masse. Ein wichtiger Fixpunkt in dieser Phase war jedoch das Konzert von Bruce Springsteen in Rom Mitte Mai. Ein strahlendes Highlight in meiner Vorstellung, das mir Hoffnung und Vorfreude gab. Danach visualisierte ich einige gelbe Wochen bis Juli, die die Zeit bis zur erneuten Operation markierten, und schließlich ein zartes Grün bis September, das für den beruflichen Neubeginn stand.

Gleichzeitig schwebte ein Damoklesschwert über mir: Würde mich mein alter/neuer Arbeitgeber in der Probezeit kündigen? Diese Existenzangst war real, doch ich wollte ihr im Sinne meiner Genesung nicht zu viel Raum geben. Mithilfe des Formats der 1-2-3-Position konnte ich sie abschwächen und auf eine gesündere Distanz bringen.


V.1.2 Überwindung der Existenzangst mit der 1-2-3-Position

Im März wäre meine Probezeit abgelaufen. Doch die Frage, wie mein Arbeitgeber reagieren würde, begleitete mich wie ein unsichtbarer Schatten. Würden sie mich aufgrund meiner Erkrankung kündigen? Ich hatte während der gesamten Zeit Kontakt gehalten, aber die entscheidende Frage traute ich mich nicht zu stellen, vermutlich aus Angst vor einer klaren Antwort.

Immer wieder versuchte ich mir zu sagen, dass sich die Welt auch im Falle einer Kündigung weiterdrehen würde. Doch erst mit der bewussten Anwendung des NLP-Formats der 1-2-3-Position konnte ich mir mehr Klarheit verschaffen. Ich legte dazu mental verschiedene Bodenanker und prüfte Schritt für Schritt, wie sich die Szenarien anfühlten.

In der ersten Position stellte ich mir vor, dass ich nicht gekündigt werde. Ich spürte sofort Erleichterung, eine Last fiel von meinen Schultern. Es eröffneten sich Möglichkeiten, ich konnte wieder Pläne schmieden und mich auf die Genesung konzentrieren.

In der zweiten Position setzte ich mich mit der Alternative auseinander: Ich werde gekündigt. Ich achtete auf meine Gefühle und Körpersensationen. Meine Erfahrung war, dass die Welt auch im Falle einer Kündigung nicht untergeht. Es gibt Lösungen. Wir leben in einem Sozialstaat, es gibt Unterstützung. Außerdem habe ich meinen Mann an meiner Seite. Und viel wichtiger war jetzt ich und meine Gesundheit. Diese innere Haltung gab mir Kraft, auch im schlimmsten Fall Perspektiven zu sehen.

In der dritten Position nahm ich die Metaposition ein, also die Beobachterrolle von außen. Aus dieser Sicht wurden beide Reaktionen nachvollziehbar. Ich konnte erkennen, dass egal, wie die Situation ausgehen würde, es wird immer eine Lösung geben wird. Dieser Abstand half mir, die Existenzangst zu relativieren und innerlich gelassener zu werden.

Im Endeffekt verging der 31.03.2023 ohne Kündigungsschreiben.


V.2 Reisen und Urlaube – meine Entscheidungsfreiheiten

V.2.1 Wie sehe ich mich selbst – meine Identität

Meine Krebserkrankung erschütterte nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Selbstbild. Plötzlich tauchte innerlich die Frage auf des „Wer bin ich jetzt – mit Stoma, mit Chemo, mit all den medizinischen Maßnahmen?“ In dieser Phase habe ich sehr bewusst wahrgenommen, dass ich mich nicht allein über die Rolle der Krebspatientin definieren wollte. Ich bin und war auch zu diesem Zeitpunkt mehr. Frau, Mutter, Arbeitnehmerin, Freundin. Dieses Bewusstsein hat mir geholfen, meine Identität neu zu sortieren und nicht in der Krankheit unterzugehen.

Ein wichtiger Aspekt war für mich mein Selbstvertrauen. Trotz äußerer Einschränkungen hatte ich die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich entschied über Reisen, Begegnungen, meinen Humor und meine Haltung. Diese Entscheidungsfreiheit gab mir das Gefühl von Einfluss und Wirksamkeit. Ein prägendes Erlebnis war der Besuch einer Vorstellung von Thorsten Havener, einem sogenannten Mentalkünstler und Gedankenleser, während der postoperativen Chemotherapie im Februar 2023. Die Karten dafür hatten wir lange Zeit vorher schon erworben und voller Stolz machte ich mich schick für den großen Ausflug nach Saarbrücken. Der erste große Ausflug seit der Operation. Und dann geschah an diesem Abend etwas, womit wir in keiner Weise gerechnet hatten. Obwohl wir uns absichtlich nicht in die erste Reihe gesetzt hatten, wurden mein Mann und ich mitten aus dem Publikum auf die Bühne geholt. Zunächst für uns beide ein Schreckmoment, doch dann eine tiefe Erfahrung. Auf dieser Bühne kam ich zum ersten Mal mit meiner energetischen Wahrnehmung in Kontakt. Ich sollte mich mit geschlossenen Augen, Blickrichtung ins Publikum, hinstellen, die Arme jeweils nach außen gestreckt. Mein Mann wurde, wie ich später erfuhr, ca. drei bis vier Meter entfernt parallel zu mir gestellt. Nacheinander spürte ich zunächst ein Klopfen auf meiner Schulter und dann das Streicheln einer Feder an meiner Hand. Berührungen, die tatsächlich bei meinem Mann vorgenommen wurden. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig beeindruckt und mir gezeigt, dass meine Wahrnehmung von Energien weiter und feiner sein kann, als ich bis dahin gedacht hatte. Dazu mehr in Kapitel 6 dieser Arbeit.

Auch meine Selbstwahrnehmung habe ich in dieser Zeit neu ausgerichtet. Ich wollte mich nicht als Opfer der Umstände erleben, sondern als jemand, der sein Leben trotz allem aktiv gestalten kann. Ein Beispiel dafür war unsere einwöchige Reise nach Zell am See zwischen zwei Chemotherapiezyklen. Während mein Mann vormittags snowboardete, unternahmen wir nachmittags gemeinsame Ausflüge. Diese Reise hat mir gezeigt, dass ich nicht ausschließlich abhängig und eingeschränkt bin, sondern durchaus mitgestalten, Entscheidungen treffen und mir kleine Inseln von Normalität und Freude schaffen kann. In einem anderen Rahmen, aber durchaus möglich.

Im Rückblick kann ich sagen: Mein Selbstbild, mein Selbstvertrauen und meine Selbstwahrnehmung haben sich in dieser Phase nicht geschwächt, sondern vertieft und gestärkt. Die bewusste Entscheidung, mich nicht allein als Patientin zu definieren, sondern meine Identität in ihrer ganzen Vielfalt zu leben, war für mich ein entscheidender Schritt auf meinem Weg.


V.2.2 Handlungsspielraum/Gestaltungsspielraum

Im NLP wird unterschieden zwischen Handlungsspielraum und Gestaltungsspielraum. Beide Begriffe sind eng miteinander verbunden und beschreiben die Möglichkeiten, wie wir unser Leben bewusst beeinflussen können – im Hier und Jetzt ebenso wie mit Blick auf die Zukunft.

Handlungsspielraum bedeutet, verschiedene Verhaltensoptionen zu haben und flexibel auf eine Situation reagieren zu können. Je mehr innere und äußere Möglichkeiten ich wahrnehme und nutzen kann, desto größer wird mein Handlungsspielraum. Ein zentraler NLP-Grundsatz lautet: „Die Person mit der größten Flexibilität hat die größte Kontrolle über das System.“ In meinem Krankheitsverlauf bedeutete das, dass ich trotz aller medizinischen Vorgaben Wahlmöglichkeiten hatte: Wie gestalte ich einen Tag während der Chemotherapie? Höre ich Musik, verabrede ich mich mit Freunden oder gönne ich mir Ruhe? Auch wenn ich die Krankheit nicht abstellen konnte, waren es gerade diese kleinen Entscheidungen, die mir das Gefühl von Einfluss und Selbstwirksamkeit gaben.

So bestand mein Handlungsspielraum oft in scheinbar kleinen Dingen. Ich ging beispielsweise zwei Tage nach einer Chemotherapie auf den Markt, weil ich mir das nicht nehmen lassen wollte, auch wenn ich völlig erschöpft war. Damals dachte ich, es seien die Nebenwirkungen, im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich zusätzlich Corona hatte. Oder ich nutzte die frühen Morgenstunden, wenn ich nicht schlafen konnte. Statt mich im Bett zu wälzen, stand ich um vier Uhr auf und begann zu lesen oder kreativ zu werden. Später im Winter bastelte ich einen selbst gemachten Adventskalender mit vielen eingekochten und eingelegten Dingen, ein Projekt, das mir zum damaligen Zeitpunkt Freude und Sinn gab.

Auch Reisen waren Ausdruck meines Handlungsspielraums. Aus dem geplanten Konzert in Rom wurde beispielsweise ein ganzer Städtetrip mit einer Reise entlang der Amalfiküste, ein Erlebnis, das weit über die Musik hinaus zu einem Symbol meiner Lebensfähigkeit wurde. Ganz besonders stolz war ich darauf, den anstrengenden Marsch auf den Vesuv gemeistert zu haben. Mit Stützstock, aber immerhin.

Gestaltungsspielraum beschreibt darüber hinaus die Möglichkeit, mein Leben aktiv und kreativ zu formen, und zwar durch innere Bilder, Glaubenssätze, Ziele und Ressourcen. Während Handlungsspielraum stärker auf die kurzfristigen Optionen gerichtet ist, geht es beim Gestaltungsspielraum um die längerfristige Perspektive: Wie will ich leben? Welche Ziele setze ich mir? Wie möchte ich mich selbst sehen? In meinem Fall zeigte sich das zum Beispiel in der Arbeit mit meiner Timeline. Immer wieder habe ich sie angepasst, neue Etappen eingefügt und bewusst entschieden, welche Farben, Bilder und Symbole meine Zukunft prägen sollen. Auch Reisen und Visionen – wie die geplante Kubareise oder das Bruce-Springsteen-Konzert – waren Ausdruck meines Gestaltungsspielraums.

Dabei musste ich auch äußere Rahmenbedingungen berücksichtigen. So bestand von Seiten der Krankenkasse der Druck, eine Reha zu machen. Ich akzeptierte diese Maßnahme, aber nicht im Dezember 2023, wie vorgeschrieben, denn da flog ich mit meinem Mann für zweieinhalb Wochen nach Teneriffa und La Palma. Mit diesem NEIN zu Dezember setzte ich meine eigenen Prioritäten und gestaltete meine Zeit so, dass sie zu mir und meinen Bedürfnissen passte.

Auch mein beruflicher Wiedereinstieg war ein Ausdruck meines Gestaltungsspielraums. Ich wollte relativ schnell wieder arbeiten, und zwar in Vollzeit. Viele rieten mir davon ab, doch für mich war klar, dass das ich bin, dass das zu meinem Selbstbild gehört. Arbeit bedeutete für mich nicht nur Belastung, sondern auch Normalität, Struktur und Selbstverwirklichung.

Aus NLP-Sicht ergänzen sich beide Dimensionen – Handlungsspielraum erweitert meine Wahlmöglichkeiten im Alltag, etwa durch Anker, Reframing oder die 1-2-3-Position. Gestaltungsspielraum entsteht durch Formate wie Timeline-Arbeit, Zielarbeit oder Teilearbeit, die mir erlauben, meine Identität und meine Zukunft aktiv zu entwickeln. Beides zusammen hat mir in dieser Zeit geholfen, nicht nur Patientin zu sein, sondern Daniela mit all‘ ihren Facetten.


V.4 Der Umgang mit Rückschlägen

Die postoperativen Monate waren geprägt von Höhen und Tiefen, aber vor allem auch von Rückschlägen, die ich so nicht erwartet hatte. Nach der Chemotherapie, die ich nach drei Monaten vorzeitig abbrach – vorgesehen wären vier Monate gewesen –, hoffte ich auf eine Phase der Stabilisierung. Doch es kam anders.

Schon das Setzen des Ports, das ganze dreieinhalb Stunden gedauert hatte, war für mich eine unglaublich traumatisierende Erfahrung gewesen. Im Juli 2023 folgte die Stomarückverlagerung, die ich in meiner zweiten Timeline als „die Kür“ bezeichnet hatte. Doch kurz nach diesem Eingriff traten starke Schmerzen auf, die ich tagelang im Bett liegend nur mit dauerhaftem Novalgin-Einsatz ertragen konnte. Nach einer Woche ließ ich mich dann einweisen und nach einem weiteren, schmerzhaften Wochenende stationär kam am Montag endlich die Operation. Die Diagnose war ein Darmverschluss. Als diese Hürde geschafft war, kam die ernüchternde Erkenntnis, dass die Bedenken der Oberärztin in Homburg sich bewahrheitet hatte. Bei der Karzinomentfernung hatte sich eine undichte Stelle gebildet, eine sogenannte Anastomose, welche wiederum zu einer Zyste, die sich vom Dickdarm bis durch die Scheide zog, führte.

Eine erneute Operation wurde notwendig, durchgeführt von zwei Chefärzten, einem Gynäkologen und einem chirurgischen Darmspezialisten. Die Folge war, dass ich sechs Wochen lang mit einem Urinbeutel leben musste und zum wiederholten Mal ein Stoma gelegt bekam. Doch zum Glück war die Operation erfolgreich.

Damit allerdings nicht genug. Es kam zu einer weiteren Komplikation, nämlich einem Prolaps[5]. Selbst der Urologe zeigte sich erschrocken über dessen Ausmaß. Die Rückverlagerung des Stomas wurde deshalb vorgezogen und erfolgte bereits Ende September 2023, anstatt wie ursprünglich geplant im November 2023. All diese Rückschläge stellten meine Geduld, meine körperliche Kraft und auch meine innere Zuversicht auf eine harte Probe.


V.4.1 Ressourcenarbeit, Reframing, Timeline-Arbeit, Glaubenssatzarbeit

Zahlreiche der Methoden, die ich in den vorherigen Kapiteln beschrieben habe, waren in diesen drei Monaten noch bedeutsamer als zuvor. Ich gönnte mir bewusst Ruhe, las viel und verbrachte viele Stunden auf unserer Terrasse zwischen den Blumen. Dort lud ich meine Familie zum Grillen ein und schaffte mir hierdurch ein Stück Normalität und Lebensfreude.

Wertvoll waren auch die Begegnungen mit Menschen im Alltag. Ich sprach bewusst mit dem syrischen Krankenwagenfahrer oder dem iranischen Taxifahrer. Es waren kleine Gespräche, die mir aber sehr viel bedeuteten, und vor allem Verbundenheit gaben. Meine Timeline überarbeitete ich in dieser Phase erneut, dieses Mal allerdings mit einem offenen Ende, da die Zukunft für mich zu diesem Zeitpunkt weniger planbar erschien.

Meine Zuversicht wurde in dieser Zeit immer wieder auf die Probe gestellt. Doch hier half mir mein innerer Glaubenssatz enorm: „Ich schaffe das.“ Er wurde zu einem Leitsatz, der mich trug. Besonders eindrücklich war der Moment, als ich im August 2023 vom Tod einer Mitpatientin erfuhr, die ich noch hatte besuchen wollen. Statt ihrer antwortete ihr Mann über ihr Handy. Dieser Schock führte dazu, dass ich meine eigene Situation einem bewussten Reframing unterzog. Ich lenkte den Blick ganz bewusst auf das, was möglich war, statt auf das, was nicht mehr ging. Und ich war traurig, unendlich traurig, diese Frau, die ich ins Herz geschlossen hatte, nie mehr zu treffen. Eine neue Erfahrung für mich, denn ich konnte die Trauer und die Tränen einfach zulassen. 

So waren es in dieser Phase die Ressourcenarbeit, die Timeline-Arbeit, das Reframing und die Glaubenssatzarbeit, die mir halfen, trotz aller Rückschläge meinen inneren Halt nicht zu verlieren.


V.4.2 Das Meta-Modell der Sprache

Das Meta-Modell der Sprache – Tools und Werkzeuge

Das Meta-Modell der Sprache als eines der zentralen Werkzeuge im NLP hat mich von Anfang an unheimlich fasziniert. Es zielt darauf ab, von der Oberflächenstruktur der Sprache – also dem, was wir konkret sagen – auf die Tiefenstruktur zu schließen, also auf das, was wir innerlich tatsächlich erleben oder meinen. 
Im Kern lassen sich drei Hauptkategorien Tilgung, Generalisierung und Verzerrung unterscheiden.
Im Training und Coaching werden durch gezielte Nachfragen fehlende Informationen ergänzt, Generalisierungen aufgebrochen oder Verzerrungen relativiert. So entsteht mehr Klarheit und ein erweiterter Handlungsspielraum.

Besonders spannend ist für mich der Aspekt der Selbstkommunikation. Wie wir mit uns selbst sprechen, beeinflusst direkt, wie wir etwas erleben und fühlen. Indem ich meine eigene Sprache hinterfrage und präzisiere, kann ich mich schwächen und verunsichern, oder aber mir Halt, Orientierung und auch neue Perspektiven geben.

Das Meta-Modell in der Anwendung

Rückblickend ist mir klar, dass ich das Meta-Modell in vielen Situationen angewendet habe. Dies geschah oft bewusst, manchmal aber auch ganz unbewusst. Schon durch meine berufliche Vorerfahrung (Übersetzerin) habe ich ein Gespür für sprachliche Feinheiten, und die Prac-Ausbildung hat diese Sensibilität noch verstärkt. Die Möglichkeiten, die man durch Entnominalisierungen, das Füllen offener Valenzen, die Konkretisierung unvollständig spezifizierter Prozesswörter, das Herstellen eines fehlenden Bezugsindex, das Hinterfragen von Vergleichstilgungen und die Überprüfung von Modaloperatoren hat, finde ich mehr als spannend.  

Ein Beispiel, wie ich das Metamodell der Sprache positiv für mich genutzt habe, ist die Aussage „Ich habe Krebs.“ Diesen Satz habe ich so gut wie nicht ausgesprochen, und wenn, dann nur in ganz vertrautem Rahmen oder wenn es wirklich nicht anders ging. Mir war klar, dass jeder, der diesen Satz hört, ihn sofort mit eigenen Bedeutungen füllen würde. So heißt dies für den einen „sie stirbt“, für den anderen „die Arme, was sie jetzt durchmachen muss“. Solche Reaktionen wollte ich – weder verbal oder non-verbal, denn man kann nicht nicht kommunizieren – weder erleben noch tragen. 

Daher habe ich stattdessen oft gesagt: „Ich habe eine blöde Diagnose.“ Das war allgemeiner, leichter für mich, auch wenn ich dabei tilgte und generalisierte. Für mich war es in diesem Moment ein Schutz und auch eine Art Reframing, denn ich lenkte den Fokus weg von der Krankheit und mehr auf mich als Person. Bis heute sage ich übrigens nie „Ich habe Krebs“, sondern „Ich hatte Krebs“. Obwohl ich offiziell noch nicht als geheilt gelte.

Ähnlich verhielt es sich mit meinem Satz „Ich schaffe das.“ Einerseits war er für mich ein enorm starker Glaubenssatz, andererseits steckt darin eine sprachliche Tilgung: Was genau ist „das“? Die OP? Die Chemo? Die Bestrahlung? Rückblickend sehe ich, dass gerade diese Unschärfe mir paradoxerweise half. Ich wusste, dass noch viele Überraschungen kommen würden, und mein Unterbewusstsein füllte das „das“ mit all dem, was anstand. Konkreter war hingegen mein Satz „Ich werde wieder gesund“, den ich mir selbst und meiner Familie gegenüber immer wieder betonte.

Auch auf Modaloperatoren habe ich sensibel reagiert. Als mir die Oberärztin sagte, dass die Tumorkonferenz beschlossen habe, ich müsse eine postoperative Chemotherapie machen, war meine innere Reaktion sofort: „Ich MUSS gar nichts.“ Für mich war klar, dass nur ich diese Entscheidung treffe. Fragen wie „Wer sagt das?“, „Warum genau?“ und „Was passiert, wenn ich es nicht tue?“ halfen mir, meine Autonomie zu bewahren.

Ein weiteres Beispiel war das vermeintliche Hindernis „Ich möchte nach Rom reisen, aber ich habe ein Stoma.“ Dieser Satz kam eher von außen. Unausgesprochen, aber zwischen den Zeilen. Auch hier habe ich bewusst metamodelliert. Anstatt das „aber“ zu akzeptieren, habe ich mich gefragt, was konkret passieren könnte und welche Maßnahmen ich ergreifen müsste, damit die Reise gelingt. Das Ergebnis war klar, dass es mit Vorbereitung machbar ist. Folglich habe ich es gemacht, sogar erweitert um die Amalfi-Küste.

Spannend ist auch mein Umgang mit dem Wort „immer“. Ich habe diesen Universalquantifikator in Bezug auf meine Erkrankung konsequent vermieden. Nie habe ich gesagt: „Warum trifft es immer mich?“ Weil ich wusste, dass das nicht stimmt. Ich habe weitaus schlimmere Schicksale gesehen und wollte mich nicht in die Opferrolle hineinziehen lassen. Ab einem bestimmten Punkt habe ich mir allerdings erlaubt, zu denken: „Jetzt sollte es langsam mal genug sein.“

Und schließlich erinnere ich mich an den Moment, als ich fast in die emotionale Generalisierung „Ich kann mich auf niemanden verlassen“ gerutscht wäre. Dies geschah, nachdem meine Hausarztpraxis zweimal die Blutwerte nicht an die Klinik geschickt hatte und die Krankenkasse fünf Wochen für die Genehmigung eines Thrombosestrumpfs brauchte. Doch dann habe ich mich innerlich ermahnt: Das stimmt so nicht. Ich konnte mich auf viele Menschen verlassen, nämlich auf Ärztinnen und Ärzte, auf Schwestern und Pfleger, auf meine Familie und vor allem auf mich selbst.

Das Meta-Modell war und ist für mich somit nicht nur ein Kommunikationswerkzeug nach außen, sondern vor allem eine Art innere Sprachhygiene. Es half mir, nicht in Ohnmacht, Opferhaltung oder Übertreibung zu rutschen, sondern bei Klarheit, Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit zu bleiben.


VI Die Rekonvaleszenz

Als Rekonvaleszenz bezeichne ich die Zeit von der zweiten Stomarückverlagerung im September 2023 bis heute. Wie geschrieben, gelte ich offiziell noch nicht als geheilt und ich bin auch nicht beschwerdefrei. Jedoch stehe ich für das, was war, in meinen Augen sehr gut im Leben und meine weiteren NLP-Ausbildungen haben hierzu maßgeblich beigetragen, davon bin ich überzeugt. 


VI.1 Ausbildung zum System Coach & NLP Trainer

VI.1.1 Zugang zum Spirituellen

Schon während meiner ersten NLP-Ausbildung stellte ich fest, dass sich meine Einstellung zum Übersinnlichen veränderte. 

Die Diagnose und die damit verbundene Tatsache, sich gezwungenermaßen mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen, intensivierte diese Veränderung. So erlebte ich kurz vor der ersten Chemorunde eine Situation, die mich zutiefst berührte und sehr nachdenklich stimmte. Die fünfjährige Tochter einer Freundin schenkte mir einen kleinen, ca. 6 cm x 4 cm großen Holzengel mit Bändchen, auf dem stand, „Ich beschütze dich.”

Jetzt muss man erwähnen, dass ich mich für keineswegs religiös im herkömmlichen Sinne halte, im Gegenteil, ich bin vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten. Dennoch habe ich immer gesagt, dass es da etwas gibt, mehr konnte und kann ich auch bis heute nicht dazu sagen. Aber dieses Engelchen, dieses Geschenk von Naomi hat mich so sehr berührt, dass ich vor der Kleinen mit den Tränen kämpfen musste. Es bekam einen Ehrenplatz und interessanterweise begleiten mich Engel seither in großer Regelmäßigkeit, in allen Varianten. Für mich sind sie inzwischen zum Symbol für meinen Beschützer geworden, ganz ohne Schnickschnack, ganz ohne Kirche.

Die Tatsache, mit einer lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert zu sein, führte außerdem dazu, dass ich meine Einstellung zum Übersinnlichen sowie dem irdischen und dem Leben danach überdachte. Bewusst stellte ich mir die Sinnfrage: Was will mir diese Krankheit sagen? Welcher Botschaft steckt dahinter? Ist es eine Prüfung? Ein Zeichen, dass es so nicht weitergehen kann?

Immer, wenn der Gedanke aufkam, dass ich doch eines Tages meinen Kindern sagen müsste, dass ich bald Abschied nehmen werde, kam ich zu folgendem Schluss: Ich war und bin mir sicher, dass ich dann „von oben“ auf sie runterschaue und sie beobachte. Ich hätte ihnen gesagt – und würde das auch heute noch so tun – dass das größte Geschenk für mich wäre, sie glücklich zu sehen und dass sie jederzeit mit mir sprechen können, in Gedanken. Ich würde dann antworten. Und ich sage das nicht einfach so, ich glaube es wirklich.

Und zwar deshalb, weil ich auch mit Toten kommuniziere und Antworten erhalte, insbesondere mit meiner Oma mütterlicherseits. Mit ihr hatte ich schon immer eine starke Verbindung, doch diese hat sich die letzten zwei Jahre noch mehr intensiviert (sie starb als ich 20 Jahre alt war, also vor 32 Jahren). Sicherlich ist diese Intensivierung auch auf die Aufstellungen der letzten Jahre zurückzuführen, aber im Kern war die enge Verbindung schon immer da.

Auch die Tatsache, dass ich Pippi Langstrumpf so beeindruckend finde, kann als etwas Symbolisches, Transzendentes betrachtet werden. Sie scheint für mich der Inbegriff von „Stärke“ zu sein, mein sogenanntes Krafttier.

Des Weiteren nutze ich meine Ressource der Musik, um Verbindung mit mir nahestehenden Personen aufzubauen und mit ihnen zu kommunizieren. So spreche ich bei dem Lied „The Rose“, gesungen von Bette Midler, mit Barbara, der verstorbenen Mitpatientin. Liebevoll und nah, nicht traurig, wir tauschen uns aus. Bei „sugar sugar“ tanze ich mit meiner Oma, und das nicht nur in Gedanken, sondern in echt. Sie gedanklich in meinen Armen, aber ich durch mein Zimmer schwingend. Bei „The Jailhouse Rock“ tanze ich als sechsjährige mit meinem Papa Jive, bei „Waitin‘ on a sunny day“ komme ich innerlich ganz nah an die armen Menschen in Syrien bzw. heutzutage in Palästina. Immer befinde ich mich hierbei in einer Art Trancezustand, welcher mich stärkt, heilt und beruhigt.

Nicht zuletzt habe ich festgestellt, dass ich einen ganz innigen Bezug zur Pflanzenwelt habe. Es klingt wundersam, aber ich sehe ganz genau, welches welke Blatt, welche schwache Knospe die Pflanze in ihrem Gedeihen hemmt. Wenn ich sie dann davon befreie, dann geht es ihr oft schon am nächsten Tag deutlich besser.

All‘ diese Energien und Schwingungen bereichern mich ungemein, wobei ich ein Beispiel nennen möchte, welches ich in diesem Zusammenhang als anstrengend empfunden habe: Die energetische Verbindung zu meiner Mutter. Als ich im Frühjahr 2025 merkte, dass ich über 240 km hinweg die sogenannten „Dramen“ zwischen meiner Mutter und meiner Schwester spürte – bei mir ist es dann immer der Darm – wurde es mir zu viel. Zum Glück hatte ich genügend Unterstützung von meinen Coaching-Kolleginnen, so dass wir dieses Band im Rahmen einer Übung kappen konnten. 


VI.1.2 Auflösen von systemischen Verstrickungen

Ab März 2024 konnte ich mir endlich den Wunsch erfüllen und mit der Ausbildung zum System Coach starten. Rückblickend bin ich überzeugt davon, dass mich mein Unterbewusstes dorthin gelotst hat. Ich hatte, ehrlich gesagt, keine genaue Vorstellung davon, was mich erwartet. Und genau das war gut so. Die Intensität, mit der ich das Feld spürte, hat mich von Anfang an überrascht, manchmal sogar überrollt.

Viele Aufstellungen sowohl als Coachee als auch als Stellvertreterin erlebte ich wie in Trance. Ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, denn ich war so tief im Erleben, dass mein Kopf kaum hinterherkam. Gleich meine erste Aufstellung hat mich regelrecht erschreckt. Vier von sieben Personen beschrieben einen zusammengezogenen Magen/Darm. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt von meiner Erkrankung.

Für mich war das ein Weckmoment. In dieser Aufstellung konnte ich die Verantwortung, die ich viel zu lange getragen hatte, (wiederholt) symbolisch an meine Mutter zurückgeben. Ein unendlich befreiender Schritt.
In einer anderen Aufstellung zeigte sich in der väterlichen Linie ein Missbrauchsmotiv. Dieses Motiv kam wiederholt in weiteren Aufstellungen vor und ich habe mir fest vorgenommen, dahin zurückzukehren, wenn die Zeit passt. Ich habe es nicht weggeschoben und werde es mir in Ruhe nochmal anschauen.

Am eindrucksvollsten und auch am herausforderndsten war das Wochenende im Mai 2024 mit Susanne, an dem ich meinen Darmkrebs aufstellen ließ. Wir waren viele (ich schätze 20 bis 25 Personen), und es fühlte sich für mich zunächst wie ein großes Durcheinander an. Kurz hatte ich die Befürchtung, handlungsunfähig zu werden, denn es war alles zu viel, zu nah, zu laut.

Erst als Susanne mich in die Metaposition stellte, kam wieder Ordnung in mein inneres Erleben. Von oben sah ich plötzlich ein klareres Bild. Links stand die mütterliche Familie, im wahrsten Sinne Wortes militärisch aufgereiht. Rechts die väterliche Linie, bunt, durcheinander, ohne erkennbare Struktur. Mein altes Bauchgefühl wurde greifbarer. Mütterlicherseits liegt Krieg/Gewalt/Militär im Feld. Es ließ sich in dieser einen Aufstellung nicht endgültig lösen, wie auch, aber es hat mir den roten Faden gezeigt, den ich unbedingt weiterverfolgen werde.

Ich bin heute überzeugt, dass ich diesen Krebs anstelle von jemand anderem getragen habe und ahne, dass er auf das Verhalten eines Ahnen aus dem Stammbaum meiner Mutter gründet. Ob ich damit recht habe, werde ich noch rausfinden. Nur eines ist sicher: Diese Last wird jetzt nicht mehr an meine Kinder weitergegeben. Das ist nicht Pathos, sondern eine tiefe innere Überzeugung und Entscheidung, an der ich weiter dranbleibe.

Die Monate der System-Coach-Ausbildung waren geprägt von starken Emotionen und langen Nächten. Ich habe geträumt, nachgeträumt, mit meinen Ahnen gesprochen und tagsüber alles nachwirken lassen. Mein ohnehin feines Gespür – vermutlich in der Jugend aus Habachtstellung gelernt – hat sich noch weiter geschärft. Ich spüre sehr schnell, wie es meinem Gegenüber geht. Das ist einerseits wunderbar, kann aber auch ziemlich anstrengend sein. Gleichzeitig erlaube ich mir, genauso deutlich wahrzunehmen und auszusprechen, wie es MIR geht. Das war und ist ein echter Fortschritt.

„Auflösen“ heißt für mich nicht, dass Etwas weg ist und nie wieder kommt. „Auflösen“ bedeutet, Verstrickungen zu sehen, zu benennen und Verantwortung dorthin zurückzugeben, wo sie hingehört. Auf diese Weise löse ich mich Schritt für Schritt und immer wieder neu aus dem alten Sog heraus. Im Feld zeigt sich, was gesehen will und soll. Und ich habe gelernt, meinen Wahrnehmungen und meinen Gefühlen zu vertrauen und sie zu respektieren.


VI.1.3 Überschreiten der eigenen Grenzen

Die Frage, ob man zur Krebsbewältigung automatisch seine Grenzen überschreiten muss, habe ich mir oft gestellt. Heute antworte ich: Jein. Ja, sicher, ich bin über viele innere Grenzen gegangen. Und nein. Nicht im Sinn von Selbstverrat. Für mich hieß Grenzen überschreiten zunächst, sie überhaupt (anzu-) erkennen, sie bewusst zu setzen.

Meine neuen Grenzen waren, wie bereits beschrieben, am Anfang ganz schlicht. Ich darf Grenzen setzen. Ich darf meine Bedürfnisse kommunizieren. Ich darf und will sichtbar sein. Das war die Basis. Darauf kam in Etappen das bewusste Überschreiten, mit Respekt vor meinem Körper und meiner Seele.

Ich wollte somit unbedingt zeitnah die Trainerausbildung bei Susanne machen. Sichtbar werden, Stimme finden, Haltung zeigen. Der Haken war aber, dass die Masterausbildung hierfür Voraussetzung ist. Diesen Abschluss hatte ich aber noch nicht. Also entschied ich mich, parallel zum System Coach, auch diese Ausbildung zu absolvieren. Körperlich war das hart an der Grenze. Aber irgendetwas Übersinnliches hat mich getragen. Beruflich war ich damals nur mit 30 Stunden eingebunden, was natürlich half. Die Masterprüfung habe ich schlussendlich auf dieses Jahr verschoben, aber dies war kein Hindernis beim Trainer trotzdem teilzunehmen und sie dieses Jahr nachzuholen.

Die Trainerausbildung war für mich ein Feld meiner Grenzüberschreitung schlechthin. Präsentieren vor der Gruppe, referieren, Stimmübungen vor allen, Theater spielen. Dinge, die mich früher zuverlässig in die zweite Reihe geschickt hätten. Jetzt blieb ich stehen. Ich spürte Herzklopfen, meine zittrige Stimme, meinen erröteten Kopf, diese alte Stimme, die mir zuverlässig zuflüsterte “lass es besser bleiben”.  Aber ich habe es trotzdem gemacht. Jedes Wochenende war ein kleines persönliches Highlight. Die Ergebnisse waren nicht immer zu meiner Zufriedenheit, keineswegs, es besteht noch ganz viel Luft nach oben. Aber ich habe damit angefangen. 

Das Feedback kam von außen kam schneller, als erwartet, vor allem in meinem nahen Umfeld. Ich bin inzwischen klarer, bestimmter, präsenter. Nicht übergriffig, nicht hart, aber deutlich. Das ist die „neue“ Daniela, so bekomme ich es gespiegelt. Vermutlich ist es nur die alte neue Daniela.


VII Schlussbemerkung

Wie eingangs geschrieben, war Ziel dieser Arbeit, dem interessierten Leser einen Einblick in die unterstützenden Möglichkeiten des NLP zu geben, hier konkret im Zusammenhang mit der Bewältigung meiner Krebserkrankung. Es ist mir wichtig zu betonen, dass nur ein Teil der von mir angewandten Techniken beschrieben wurde, alles andere würde den Rahmen sprengen.

Meine Reise mit NLP geht jedenfalls weiter, sie ist für mich ein Wegbegleiter in meinem kontinuierlichen Veränderungsprozess geworden, eine Stütze, ein Werkzeugkasten, den ich nicht mehr missen möchte. Es würde mich freuen, mit dieser Arbeit auch den einen oder anderen Leser zu einer solchen Reise inspiriert zu haben.

Derzeit überarbeite ich übrigens wieder meine Timeline – März 2026 erste Coachings in nebenberuflicher Selbstständigkeit?


VIII Literaturverzeichnis

– R.B. Dilts, T. Hallbom & S. Smith: Identität, Glaubenssystem und Gesundheit. Paderborn:    Jungfermann-Verlag 2011.

– Ian McDermott, Joseph O’Connor: NLP und Gesundheit. Die offenen Geheimnisse der Gesunden. Verlag für Angewandte Kinesiologie GmbH, Freiburg im Breisgau 1997

– Tad James Wyatt Woodsmall: TIMELINE NLP-Konzepte. Junferman Verlag, Paderborn 1994.

– Bernie Siegel: Mit der Seele heilen. Gesundheit durch inneren Dialog. Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co, KG, München 2000.

– Lapp, Dr. Susanne, Flipcharts Ausbildung NLP-Practitioner & -Coach, 2021-2022

– Lapp, Dr. Susanne, Skript Ausbildung NLP-Practitioner & -Coach, 2021-2022

– Lapp, Dr. Susanne : Das große Handbuch für den systemischen Practionner & Coach. Werdewelt Verlag- und Medienhaus GmbH, 2. überarbeitete Auflage, 2023, S. 447-453.  

– Lapp, Dr. Susanne, Flipcharts Ausbildung NLP- System Coach, 2024 

– Lapp, Dr. Susanne, NLP-System-Coach-Skript, Ausbildung zum NLP-System Coach 2024

– Lapp, Dr. Susanne, Flipcharts Ausbildung NLP-Master & -Master-Coach, 2024 

– Lapp, Dr. Susanne, NLP-Master-Skript, Systemische NLP-Master-Ausbildung 2024

– Klaus Grochowiak: Das NLP Masterhandbuch. Erlernen Sie NLP auf Masterniveau.CNLPA-  Verlag, Wiesbaden 2010

-Charlotte Bretto/Judith Delozier/John Grinder/Sylvia Topel (Hrsg.): Die Kunst des Heilens und der Veränderung. NLP-Anwendungen in Medizin, Kunst & Kreativität. Junfermann Verlag Paderborn, 1997. 


[1] Lapp, Dr. Susanne, Flipcharts Ausbildung NLP-Practitioner & -Coach, 2021-2022

[2] Lapp, Dr. Susanne, Flipcharts Ausbildung NLP-Practitioner & -Coach, 2021-2022

[3] Lapp, Dr. Susanne, Skript Ausbildung NLP-Practitioner & -Coach, 2021-2022, S. 17

[4] Enterostoma = künstlicher Darmausgang

[5] Als Prolaps (Vorfall) wird in der Medizin der unnatürliche Vorfall eines Organs oder eines Organteils durch eine bereits vorhandene oder pathologische Öffnung bezeichnet… Beispiele für einen Prolaps sind… der Vorfall des in die Bauchdecke eingenähten Darms beim künstlichen Darmausgang.

(Wikipedia, 29.08.2025)

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