Der Turm, der blieb – und die Statik, die nicht mehr stimmte

Der Turm, der blieb – und die Statik, die nicht mehr stimmte

Inhaltsangabe

(Manche Dinge lassen sich nicht erklären. Nur zeigen. Dieser Text ist aus genau so einem Moment entstanden. Und vielleicht erkennst du etwas darin, das du nicht in Worte fassen kannst, aber längst kennst.)

Karl war einundachtzig. Offiziell auf Städtereise.

Inoffiziell war er hier, weil ihm sein Sohn vor drei Monaten bei einem Abendessen in Frankfurt gesagt hatte: „Ich erreiche dich nicht, Vater. Und ich habe aufgehört, es zu versuchen.“

Karl hatte wortlos genickt. Das konnte er gut. Am nächsten Morgen hatte er ein Hotel in Görlitz gebucht.

Der Reichenbacher Turm stand da wie immer.
Ein Körper aus Stein, 
gebaut für etwas, das längst vorbei war. 
Ein Wehrturm.

Karl wusste das noch.
Hatte es irgendwann gelernt.
Vielleicht von seinem Vater, der nie erklärte.
Später hatte man den Turm weitergenutzt.
Nicht mehr zum Schützen.
Nur noch zum Schauen.

Karl legte die Hand an das Mauerwerk.
„Du bist geblieben“, sagte er.
„Ich nicht.“

Sein Vater hatte diesen Satz gesagt.
Hier in Görlitz.
Nach allem.
Der Name Breslau fiel dabei nie.
Er lag zwischen den Sätzen.

Karl war noch kein Jahr alt gewesen, als sie gegangen waren.
Nicht gegangen – vertrieben.
Mit einem Koffer, der zu klein war für das,
was darin hätte Platz finden müssen:
ein Zuhause, eine Sprache, ein Selbstverständnis.
Später, hier, vor Dingen, die noch standen, hatte sein Vater diesen Satz oft gesagt:
„Du bist geblieben. Ich nicht.“
Nie vorwurfsvoll.
Nie wehmütig.

„Wollen Sie hoch oder nur philosophieren?“
Karl drehte sich um.
Ein Mann. Ein Hund.

Die Treppe war eng und steil.
Sein Stock tastete nach Halt.
Irgendwo zwischen der ersten und der zwanzigsten Stufe meldete sich sein Knie.
Karl ging weiter.
Schmerz ignorieren.
Verlust relativieren.
Nähe vermeiden.
Ein ganzes Leben in drei Kompetenzen.

„Wo kommen Sie her?“, fragte der Mann, oben angekommen.
„Von hier …“, sagte Karl, „… war ich mal.“
„Und dann?“
Karl zuckte mit den Schultern.
„Nach der Wende alles weg. Betrieb dicht. Haus verkauft. Frau wollte in den Westen. Ich bin mit.“
„Und jetzt?“
„Jetzt bin ich wieder hier.“
Der Mann nickte.
„Der Kreis schließt sich.“
Karl schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Statik stimmt nicht mehr.“

Hier oben war Wind.
Die Stadt lag ausgebreitet unter ihm.
Ruhig. Fast so, als hätte es all die Brüche nie gegeben.

Sein Vater hatte nie wieder Wurzeln geschlagen.
Und Karl hatte nie gelernt, welche zu bilden.
Er hatte geheiratet.
Ein Haus gebaut.
Einen Sohn bekommen.
Alles richtig gemacht.
Und nichts gehalten.

„Schon komisch“, sagte der Mann neben ihm.
„Was?“
„Dass man denkt, man könne sich schützen.“
Er klopfte gegen das Mauerwerk.
„Die haben das hier gebaut, um zu bewahren, was ihnen wichtig war.“
Eine kurze Pause.
„Geholfen hat es nicht.“

Der Wind griff nach seiner Jacke.
Zog. Zerrte.
Als wolle er testen, wie fest alles noch saß.
Karl schloss die Augen.
Er sah seinen Vater.
Nicht als Gesicht.
Als Struktur.
Fest. Unnahbar. Unerschütterlich.
Ein Turm.

Und plötzlich verstand er etwas, das sich ihm lange entzogen hatte:
Man kann sich schützen
und doch alles verlieren.

Karl setzte sich.
Der Stein unter ihm war hart.
Keine Illusion von Wärme.
„Mein Sohn sagt, er erreicht mich nicht.“
Der Mann nickte.
„Und?“
Karl sah auf seine Hände.
Alt. Zerfurcht. Gezeichnet.
„Er hat recht.“

Karls Blick verlor sich in der Ferne.
„Mein Vater hat immer gesagt: Verlass dich auf nichts.“
Der Mann nickte.
„Meiner auch. Aber wissen Sie, was uns unterscheidet?“
„Nein.“
„Ich habe vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr auf ihn zu hören.“

Karl sah ihn an.
„Und hat es funktioniert?“
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Sagen wir so: Ich habe seitdem mehr verloren.
Aber ich habe auch mehr gehabt.“

Karl schloss die Augen.
Er dachte nicht mehr daran, wie es hätte sein sollen.
Nicht daran, was gefehlt hatte.
Nicht daran, wer schuld war.
Sondern spürte, was jetzt da war.

Wind. Höhe.
Ein Turm, der geblieben war.
Und ein Leben, das vielleicht noch nicht vorbei war.

Am nächsten Morgen ging Karl wieder los.
Langsamer. Mit dem Stock.
Zu einem anderen Turm. Und noch einem.
Tag für Tag.

Nacheinander zu jedem Turm der Stadt.
Nicht, weil er glaubte, dort oben etwas zu finden.
Sondern weil er begann zu verstehen, dass Aufstieg nichts mit Höhe zu tun hat
und Schutz nichts mit Mauern.

Irgendwann blieb er stehen.
Stützte sich auf den Stock.
Einen Moment nur.
Die Türme standen im Licht.
Nicht wachsam. Nicht drohend.
Einfach da.

Karl atmete ein.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte er nicht das Bedürfnis, sich innerlich zu wappnen.
Nicht gegen Erinnerungen.
Nicht gegen Menschen.
Nicht einmal gegen sich selbst.

Er hob den Blick.
Etwas in ihm wurde weiter.
Vielleicht, dachte er, ist das genug.
Nicht wehren.
Nur wahrnehmen.

Er verlagerte das Gewicht auf den Stock.
Zog das Telefon aus der Tasche.
Und rief seinen Sohn an.

Autorin: Susanne Lapp, März 2026

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