Wenn dein Klient dich idealisiert

Wenn dein Klient dich idealisiert

Inhaltsangabe

Idealisierung im Coaching – ein Arbeitsauftrag

Es ist die dritte Sitzung. Dein Klient lehnt sich zurück, schaut dich an und sagt einen dieser Sätze, die hängenbleiben: „Du bist der erste Mensch, der mich wirklich versteht.“

Und da ist es. Ein warmes Gefühl in der Brust. Ein leises: Ja. Endlich sieht das mal jemand. Genau in diesem warmen Gefühl liegt die Falle.

Denn dieser Satz ist kein Urteil über dich. Er ist eine Sehnsucht. Und wie du mit ihr umgehst, entscheidet darüber, ob aus deiner Begleitung Wachstum wird oder eine leise, zähe Abhängigkeit.


I Idealisierung im Coaching ist kein Kompliment

Wir alle bringen alte Beziehungsmuster in jede neue Beziehung mit. Auch in deine. Ein Mensch, der bei dir sitzt, sieht dich nie ganz nüchtern. Er sieht durch dich hindurch auf all die Figuren, die vor dir kamen. Die Mutter, die nie zuhörte. Den Vater, der nie da war. Die eine Lehrerin, bei der er sich sicher fühlte.

In der Psychoanalyse nennt man das Übertragung. In der humanistischen Arbeit sprechen wir schlichter von reaktivierten Beziehungsmustern. Freud nannte es einmal einen „Irrtum in der Zeit“. Der Mensch fühlt etwas Echtes, aber es gilt eigentlich jemand anderem.

Idealisierung ist eine Spielart davon. Dein Klient legt etwas in dich hinein, das er dringend braucht: einen Menschen, der stark genug ist, ihn zu halten. Das ist rührend. Und es hat nichts mit deiner Person zu tun.


II Die gute Nachricht zuerst

Am Anfang darf das sein. Ein Mensch, der nach Halt sucht, braucht erst einmal etwas, an dem er sich aufrichten kann. Der Psychoanalytiker Heinz Kohut hat das schön gezeigt. Er sah in der Idealisierung sogar einen heilenden Faktor. Wer sich vorübergehend an eine Figur anlehnen darf, die er größer macht als sie ist, kann daran sein eigenes Selbstgefühl stärken. Und mit der Zeit weicht das idealisierte Bild einer realistischeren Sicht.

Merk dir das: Nicht die Idealisierung ist das Problem. Das Steckenbleiben darin ist es.

Ein guter Prozess bewegt sich. Er beginnt vielleicht mit einer Überhöhung und wächst zu etwas Erwachsenerem heran. Das ist der Weg von der Bewunderung zur Anerkennung. Von „Sie sind großartig“ zu „Ich schaffe das“.


III Der Punkt, an dem es kippt

Solange die Idealisierung im Spiel bleibt, ist keine Begegnung auf Augenhöhe möglich. Denn in jeder Überhöhung steckt die Enttäuschung schon drin.

Wer heute auf ein Podest gestellt wird, wird morgen dafür bestraft, ein Mensch zu sein. Du sagst einen Satz, der nicht passt. Du bist müde. Du hast einen Termin vergessen. Und plötzlich fällt das Bild. Aus dem Retter wird der Versager. Das ist kein Zufall, das ist das Muster: erst Idealisierung, dann Entwertung.

Und je stärker jemand zu Beginn idealisiert, desto mühsamer wird später die Aufarbeitung der Enttäuschung. Deshalb ist es klug, die Überhöhung nicht zu genießen, sondern früh sanft anzusprechen.

Bei Menschen mit frühen Verletzungen kommt noch etwas dazu. Sie entwickeln manchmal eine regelrechte Rettungshoffnung. Der Helfer wird zum Erlöser, zum Einzigen, der es richten kann. Das fühlt sich für eine Weile eng und verbunden an. Aber es ist keine gesunde Nähe. Jede kleine Lockerung dieser Bindung löst dann Panik aus. Und niemandem ist damit geholfen.


IV Die eigentliche Gefahr bist du

Jetzt der ehrliche Teil.

Idealisierung ist verführerisch. Es ist angenehm, wirkungsvoll und vielwissend dazustehen. Es schmeichelt, gebraucht zu werden. Und genau da liegt die Einladung, dich der Wunschprojektion deines Klienten anzupassen. Ihm das Bild zu geben, das für dich am schönsten ist, statt das, was er für seine Entwicklung braucht.

Viele von uns, die in helfenden Berufen gelandet sind, kennen diese Rolle schon lange. Wir waren früh die Trösterin der Mutter. Der Sonnenschein der Familie. Der Mensch, der spürt, was andere brauchen, und es liefert, bevor jemand fragt. Das macht uns feinfühlig. Es macht uns aber auch anfällig für genau diese Falle. Wenn ein Klient dich zum Helden macht, rührt er an eine alte Sehnsucht in dir.

Deshalb gilt: Deine Idealisierung durch andere ist immer auch eine Aufgabe an dich selbst.


V Vier Haltungen für den Umgang mit Idealisierung im Coaching

Halte aus, enttäuschend zu sein. Du musst nicht der Mensch bleiben, für den dein Klient dich hält. Beziehung ist auch enttäuschend, immer. Wer lernt, für andere frustrierend sein zu dürfen, ohne sich zu verteidigen, gibt ihnen etwas Kostbares: die Erfahrung, dass eine Beziehung eine Enttäuschung überlebt.

Gib keine Heilsversprechen. Stell deine Arbeit nie als unfehlbar dar. Erzeuge niemals das Gefühl, dein Klient käme ohne dich nicht mehr zurecht. Du bist eine Begleitung auf Zeit. Sag das auch so.

Sprich die Idealisierung an, statt sie zu bedienen. Wenn ein Satz wie „Sie verstehen mich als Einziger“ fällt, kannst du neugierig werden. Was fehlt anderswo? Wovon ist hier gerade die Rede? So wird aus einem stillen Bündnis ein Thema, an dem ihr arbeiten könnt.

Such dir einen zweiten Blick. Das ist der wichtigste Punkt, und der, den man am leichtesten überspringt. Idealisierung erkennst du selten allein, weil sie sich gut anfühlt. Du brauchst einen Ort, an dem du deine eigenen Anteile anschaust. In der Forschung ist das eindeutig: Wer regelmäßig in Supervision geht, hat im Umgang mit schwierigen Beziehungsdynamiken ein deutlich größeres Repertoire zur Verfügung.


VI Das eigentliche Ziel: Selbstwirksamkeit des Klienten

Der beste Beweis für gute Arbeit ist nicht, verehrt zu werden.

Der beste Beweis ist ein Mensch, der am Ende auf eigenen Füßen steht und dich nicht mehr braucht. Ein guter Begleiter macht nicht abhängig, sondern unabhängig. Er verwandelt Bewunderung in Anerkennung und Anerkennung in Selbstführung.

Das ist stille Arbeit. Sie bringt dir kein Podest. Aber sie bringt deinem Klienten etwas, das viel länger hält als die Begeisterung der dritten Sitzung: die Erfahrung, dass die Kraft, die er in dir gesucht hat, in Wahrheit schon in ihm war.


VII Und wo lernst du das?

Den Umgang mit Idealisierung lernt niemand aus einem Buch. Du lernst ihn in der eigenen Erfahrung, und vor allem mit einem zweiten Blick von außen.

Genau deshalb hört unsere Begleitung nicht mit dem Zertifikat auf. Wer bei mir eine NLP- oder Coaching- Ausbildung macht, bekommt kostenlose Online-Supervision, die bis zu drei Jahre nach Ende der Ausbildung weiterläuft.

Das ist der Ort, an dem genau die Dynamiken auf den Tisch kommen, von denen dieser Artikel handelt. Die Idealisierung, die sich zu gut anfühlt. Die Enttäuschung, die darauf folgt. Die eigenen blinden Flecken, die man allein nicht sieht.

Wenn du wissen willst, wie wir arbeiten, komm zu einem kostenlosen Online-NLP-Erlebnisabend. Unverbindlich, warm, und mit Raum für deine Fragen.

Herzlichst

Susanne (Lapp)
Lehrtrainerin, Lehrcoach, Podcast-Host, Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter Eintragung

Du willst auf dem Laufenden bleiben? Und von Vorteilen profitieren, die nur meine Newsletter-Abonnenten erhalten? 

Dann melde dich jetzt an.

Ich freue mich darauf, dich in der großartigen WildWechsel-Community begrüßen zu dürfen.

Herzlichst

Susanne (Lapp)