„Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich verdiene gut. Und trotzdem fehlt am Ende des Monats immer der letzte Hunderter auf dem Konto. Irgendwie ist mein Dispo immer am Glühen.“
Solche Sätze höre ich im Coaching erstaunlich häufig. Und vielleicht erkennst du dich darin sogar ein Stück wieder. Vernünftiger Mensch, ordentliches Einkommen, keine objektive Katastrophe und trotzdem fühlt sich das Thema Geld an wie ein nie endendes Drama.
Die naheliegenden Erklärungen lauten fast immer: mangelnde Disziplin, falsches Money Mindset, fehlende Struktur. Klingt plausibel. Greift aber oft zu kurz.
Denn manchmal liegt das Problem nicht im Umgang mit Geld. Sondern in einer Geschichte, die lange vor dir begonnen hat.
I Warum Geldprobleme selten nur mit Geld zu tun haben
Es gibt finanzielle Schwierigkeiten, die sind tatsächlich rein praktisch lösbar. Einnahmen, Ausgaben, Planung, Verhalten. Das ist die rationale Ebene. Und die ist wichtig.
Doch dann gibt es diese andere Kategorie von Geldmustern.
Die hartnäckigen. Die unlogischen. Die, bei denen selbst deutliche Einkommenssteigerungen nichts Grundsätzliches verändern.
Genau dort werde ich als Coach hellhörig.
Nicht, weil ich Zahlen ignorieren würde. Sondern weil sich hinter vielen scheinbar ökonomischen Problemen psychische und systemische Dynamiken verbergen, die mit Vernunft allein kaum (bzw. gar nicht) erreichbar sind.
Ich möchte dir ein Beispiel aus meiner Praxis schildern.
II Jennifer und ihr Geldthema
Jennifer sitzt vor mir. Sie war bereits einige Male im Coaching. Klug, reflektiert, beruflich erfolgreich. Und sie beschreibt ihr Anliegen bemerkenswert klar:
„Ich kann mit Geld einfach nicht umgehen.“
Objektiv betrachtet passt das Bild nicht. Jennifer verdient gut. Wirklich gut. Es gibt keinen äußeren Zwang, keinen dramatischen finanziellen Engpass. Und dennoch wiederholt sich Monat für Monat dasselbe Muster: Am Ende fehlt immer ungefähr derselbe Betrag. Der Dispo ist ständig am Limit. Immer am Anschlag.
Was sie besonders frustriert: Sie wurde bereits mehrfach befördert. Mehr Verantwortung, mehr Einkommen. Und jedes Mal zeigte sich derselbe Verlauf. Für zwei oder drei Monate entspannte sich die Situation etwas. Dann kehrte das alte Muster zurück.
Keine nachhaltige Veränderung. Keine wachsende Sicherheit. Keine finanzielle Stabilität.
III Das typische Muster: Die merkwürdige Erleichterung
Jennifer beschreibt eine Szene, die sich fast täglich wiederholt. Abends sitzt sie vor dem Laptop. Scrollt durch Online-Shops. Bestellt Dinge, die sie, wie sie selbst sagt, nicht braucht. Während sie bestellt, weiß sie das bereits.
Kein Kontrollverlust. Kein impulsiver Blackout. Sondern ein nahezu bewusstes „Ich weiß, dass das unsinnig ist und mache es trotzdem“. Und in dem Moment, in dem sie auf den Bestellbutton klickt, passiert etwas Bemerkenswertes: Sie freut sich nicht. Im Gegenteil ärgert sie sich über sich selbst und fühlt sich gleichzeitig auf eine schräge Art erleichtert.
Wenn die Pakete ankommen, wiederholt sich das Muster: Sie ärgert sich und ist gleichzeitig auf eine komische Weise mit sich zufrieden. Erleichtert.
Erleichterung. Das ist auch das Gefühl, das sie beschreibt, wenn das Konto wieder leer ist. In dem der Dispo erneut am Anschlag ist.
Das wirkt auf den ersten Blick paradox. Warum sollte finanzielle Verschuldung Entspannung erzeugen? Warum sollte ein Zustand, den man rational als problematisch bewertet, innerlich eine Form von Ruhe herstellen?
Genau solche Widersprüche sind in meiner Coaching-Praxis hochrelevant. Denn sie deuten darauf hin, dass das sichtbare Verhalten eine verborgene Funktion erfüllt.
Systemisch gesprochen: Diese Form von paradoxen Symptomen sind oft Hinweise auf transgenerationale Verstrickungen.
IV Der Blick ins Herkunftssystem
In den vorangegangenen Sitzungen hatten wir bereits Jennifers familiären Hintergrund betrachtet. Und dabei zeigte sich eine auffällige Parallele. Ihre Mutter hatte ein nahezu identisches Verhältnis zu Geld. Gute Ausbildung. Stabiles Einkommen. Und dennoch chronischer finanzieller Druck.
Auch der Vater war beruflich erfolgreich. Objektiv betrachtet hätte es keinen dauerhaften Geldstress geben müssen. Und doch war das Thema Geld im Elternhaus ständig mit Konflikten verbunden.
Solche Wiederholungen über Generationen sind systemisch bedeutsam. Nicht als Schuldzuweisung. Sondern eben als Hinweis auf mögliche transgenerationale Dynamiken.
Vor diesem Hintergrund schlage ich Jennifer vor, eine Familienaufstellung zu machen.
V Warum ich bei solchen Mustern gerne mit Aufstellungen arbeite
Familienaufstellungen sind keine Magie und keine Geschichtsforschung. Sie rekonstruieren keine Vergangenheit. Sie machen Beziehungsmuster sichtbar. Sie zeigen, wie ein Thema im inneren Erleben organisiert ist.
Gerade bei hartnäckigen, emotional aufgeladenen Mustern liefern sie oft Einsichten, die auf rein kognitiver Ebene kaum zugänglich sind.
Jennifer kennt die Arbeit mit Familienaufstellungen bereits. In dieser Coaching-Session schlage ich ihr eine Bodenanker-Variante im geschützten 1:1-Setting vor.
Meine Klienten lieben diese Art der Arbeit mit Familienaufstellungen – gerade bei Themen, die man nicht unbedingt in einem größeren Kreis anschauen möchte. Ich werde häufig gefragt: „Susanne, ist das genauso effektiv wie eine Aufstellung mit Stellvertretern?“
Und meine Antwort lautet: Es kommt auf deine Präferenzen an. Manchmal ist die Arbeit im großen Kreis, mit echten Stellvertretern, hilfreicher. Nämlich immer dann, wenn jemand Schwierigkeiten hat, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Wenn die Angst da ist, etwas zu übersehen. Oder wenn man sich ein möglichst – in Anführungsstrichen – Feedback von außen wünscht. Dazu kommt das Gruppenerlebnis, weil man als Stellvertreter in den Aufstellungen anderer oft viel für die eigenen Themen mitnimmt.
Systemische Arbeit beginnt nicht mit Interpretationen, sondern mit einer präzisen Fragestellung. Jennifer formuliert ihr Anliegen ganz präzise: „Warum kann ich nicht mit Geld umgehen?“
Weitere Infos zu Familienaufstellungen findest du hier.
VI Das Genogramm: Die nüchterne Landkarte
Der nächste Schritt ist nun das Erstellen des Genogramms. In Vorbereitung auf unsere heutige Sitzung hatte ich Jennifer meinen Fragebogen geschickt. Mit diesem Fragebogen arbeite ich immer dann, wenn wir systemisch arbeiten wollen. Er dient nicht dazu, etwas „richtig“ zu machen, sondern Orientierung zu schaffen.
Im Kern geht es darum, dass die Klientin für sich die familiären Hintergründe sammelt. Ganz nüchtern, ganz faktisch. Zum Beispiel:
- Wie viele Geschwister hatten die Eltern?
- An welcher Stelle der Geschwisterfolge standen sie selbst?
- Wie viele Geschwister hatten wiederum die Großeltern?
Und dann die Fragen nach besonderen, einschneidenden Ereignissen im Familiensystem. Flucht. Krieg. Vertreibung. Konzentrationslager. Kriminalität. Früher Kindstod.
Eine auffällige Häufung von früh verstorbenen Kindern. Bestimmte Krankheiten, die sich über Generationen hinweg wiederholen. Oder wiederkehrende wirtschaftliche Themen – Scheitern, Totalverlust von Vermögen. Genauso wie eine auffällige Häufung von helfenden Berufen.
Diese Informationen sind kein Muss. Wenn jemand wenig über sein Familiensystem weiß, ist das kein Hinderungsgrund für systemische Arbeit. Trotzdem ist es für viele Klienten angenehmer, wenn sie ein paar Eckdaten kennen. Weil sie das, was sich später in der Aufstellung zeigt, innerlich einordnen können. Weil Wahrnehmung dann auf etwas trifft, das sich einordnen lässt, ohne dass man es erklären muss.
Mir gibt das Genogramm erste Hinweise auf systemische Verstrickungen.
Auf meine Fragen hin berichtet Jennifer zunächst von ihrer Kernfamilie. Ihre Eltern sind verheiratet. Sie selbst ist die Älteste von drei Kindern und hat zwei jüngere Brüder.
Ich frage nach psychischer, physischer oder sexueller Gewalt. Sie berichtet, dass es in ihrer Kindheit häufig Streitigkeiten zwischen den Eltern gab und dass der Vater auch die Kinder häufig anschrie, dass sie aber keine Form von physischer oder sexueller Gewalt erinnert.
Auf meine Frage nach psychischen Erkrankungen oder Suchtthematiken berichtet sie, dass ihre Mutter vor längerer Zeit einmal mit Depressionen diagnostiziert wurde. Suchtthematiken gibt es keine.
Auch von verstorbenen Geschwister, Fehlgeburten oder Abtreibungen ist ihr nichts bekannt.
Nachdem wir diese systemischen Verhältnisse in der Kernfamilie geklärt haben, gehe ich mit ihr einen Schritt weiter und frage nach dem mütterlichen System.
Ihre Großeltern mütterlicherseits waren verheiratet. Ihre Mutter ist das älteste Kind. Es gab außerdem noch einen Bruder.
Der Großvater hatte eine Spedition. Ein Unternehmen, das er wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Der Urgroßvater war – wie so viele in dieser Generation – im Krieg. Allerdings durfte er vergleichsweise lange zu Hause bleiben, weil er aufgrund der Spedition als unabkömmlich galt.
Als ich Jennifer frage, ob der Urgroßvater die Spedition selbst aufgebaut hat, überlegt sie kurz und sagt dann, dass er sie in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts übernommen habe. Von wem und unter welchen Umständen – das weiß sie nicht.
Alles, was Jennifer mir erzählt, notiere ich an der Flipchart. Mit den entsprechenden Symbolen, wie man sie aus der systemischen Arbeit kennt. So haben wir beide jederzeit einen Überblick über das, was sich zeigt und über das, was noch offenbleibt.
Dann wende ich mich dem väterlichen Herkunftssystem zu. Jennifer berichtet, dass ihr Vater zwei Brüder hatte. Er war der Älteste. Die Großeltern waren verheiratet. Sie waren beide als Kinder aus dem Sudetenland geflohen.
Von Gewalt oder psychischen Erkrankungen im väterlichen System ist Jennifer nichts bekannt. Auch keine Suchtthematiken, keine besonderen familiären Brüche.
Ich ergänze diese Informationen auf unserer Flipchart. Langsam entsteht ein Bild über drei Generationen hinweg. Nüchtern betrachtet wirkt es unspektakulär. Keine dramatischen Verwerfungen. Keine offensichtlichen Katastrophen.
Und doch sind für das erfahrene Auge bereits erste Strukturen erkennbar. Unternehmerisches Umfeld. Krieg. Flucht. Manchmal sind es nicht die Ereignisse, die sofort ins Auge springen, die ein System prägen. Sondern das, was zwischen den Zeilen weitergegeben wird.
Das wird sich auch im Fall von Jennifer herausstellen.
VII Die eigentliche Aufstellung – Schritt für Schritt
Dann erkläre ich Jennifer, welche Bodenanker ich für diese erste Sequenz anfertigen werde. Ich nehme einen Zettel und schreibe darauf: „Ich“. Einen zweiten mit „Mutter“. Einen mit „Vater“. Einen mit „Geld“. Und einen mit „Warum“.
Auf jedem Bodenanker notiere ich einen kleinen Pfeil, der die jeweilige Blickrichtung markiert. Ich bitte Jennifer, diese Zettel nun so im Raum zu verteilen, wie es ihrem inneren Bild entspricht. Dabei geht es nicht darum, lange nachzudenken. Nicht darum, es logisch richtig zu machen. Sondern darum, es so hinzulegen, wie es sich innerlich stimmig anfühlt.
VII.1 Das Anfangsbild
Sehr gefasst beginnt sie, die Bodenanker im Raum zu platzieren. Schnell zeigt sich ein erstes Bild: Ihre Mutter steht etwa einen Meter rechts vor ihr und schaut nach links weg. Der Vater steht unbeteiligt in etwa zwei Metern Entfernung und blickt ebenfalls nach links.
„Geld“ und „Warum“ legt Jennifer hinter ihre Mutter. Beide schauen weiter nach hinten.
Ein spannendes Bild. Dann beginnen wir, uns abwechselnd auf die verschiedenen Bodenanker zu stellen und uns darüber auszutauschen, was wir dort wahrnehmen.
Jennifer möchte zunächst auf den Bodenanker „Ich“. Ich frage sie, wohin ich gehen soll. Sie sagt: „Auf die Mutter.“ Also stelle ich mich auf „Mutter“, während Jennifer auf „Ich“ tritt.
Nach einem kurzen Moment des Einfühlens beschreibt sie, dass sie sehr stark auf die Blickrichtung der Mutter fixiert ist. Und gleichzeitig merkt sie, dass ihr Blick eigentlich nur auf die beiden Bodenanker hinter der Mutter fällt: „Geld“ und „Warum“.

Während ich auf dem Bodenanker der Mutter stehe, nehme ich etwas anderes wahr. Ich spüre, dass meine – in Anführungszeichen – Tochter sehr nervös wirkt. Sehr angespannt. Und ich selbst habe den Eindruck, dass das, was hinter mir liegt, mir unangenehm ist. Dass ich am liebsten einen Schritt nach vorne machen würde, um Abstand davon zu gewinnen.
VII.2 Hinweis auf transgenerationale Verstrickung
Dann wechseln wir. Jennifer stellt sich auf den Bodenanker des Vaters, ich gehe auf „Ich“. Nach einem kurzen Einfühlen sagt sie als Vater: „Das ist euer Ding. Das geht mich nichts an.“
Und während ich auf „Ich“ stehe, merke ich deutlich, dass mein Fokus ganz klar Richtung mütterliches System geht. Ich kann die Haltung des Vaters – „Das geht mich nichts an“ – innerlich sehr gut bestätigen.
Es gibt in der Aufstellungsarbeit eine Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt. Wenn Bodenanker mit einem Symptom – in diesem Fall „Geld“ und „Warum“ – hinter der Generation liegen, die gerade im Fokus steht, dann ist das ein deutlicher Hinweis: Das Thema gehört nicht nur zu dieser Person. Und meist auch nicht nur zu dieser Generation. Es deutet vielmehr darauf hin, dass mindestens eine weitere Generation beteiligt ist.
Und genau das zeigt sich hier. Deswegen fertige ich nun zusätzliche Bodenanker an – für die Eltern der Mutter. Also für die Großeltern mütterlicherseits von Jennifer. Als ich beginne, sie hinter der Mutter zu platzieren, reagiert Jennifer ganz impulsiv. Ohne nachzudenken sagt sie: „Nein. Geld und Warum gehören noch hinter meine Großeltern.“ Das kommt schnell. Intuitiv. Nicht aus dem Kopf.
Ich halte kurz inne und frage ruhig: „Hinter deinen Großvater oder hinter deine Großmutter?“ Sie antwortet sofort: „Hinter den Großvater.“ Jennifer antwortet sofort: „Hinter den Großvater.“
Da nun wieder ein Symptom hinter der letzten bekannten Generation liegt, erweitere ich das Bild. Ich fertige zwei weitere Bodenanker an – für den Urgroßvater und die Urgroßmutter mütterlicherseits. Also für die Eltern des Großvaters. Ich platziere beide hinter dem Großvater. Nun liegen „Geld“ und „Warum“ zwischen der Generation der Großeltern und der Urgroßeltern. Ein deutliches Feld.

Ich frage Jennifer, ob sie zunächst in den Bodenanker des Großvaters oder der Großmutter treten möchte. Sie entscheidet sich spontan für den Großvater. Während sie sich dort einfühlt, stelle ich mich auf die Großmutter. Und sofort habe ich wieder den Eindruck: Das Thema mit dem Geld – und das Warum – gehören zu meinem Mann. Oder zumindest in diese Linie.
Mit mir selbst hat es scheinbar nichts zu tun. Und doch habe ich den Eindruck, dass ich ahne, worum es geht. Ich spüre Scham. Eine starke Scham. Am liebsten würde ich mich wegdrehen. So, dass ich nichts sehen muss.
Jennifer beschreibt währenddessen als Großvater, dass sie am liebsten gar nicht auf „Geld“ und „Warum“ schauen möchte. Dass es ihr aus einem nicht erklärbaren Grund ganz schrecklich geht. Dass es ihr schwerfällt, aufrecht zu stehen. Am liebsten würde sie sich auf den Boden setzen. Das Feld ist deutlich aktiviert.
Wir treten von den Bodenankern herunter. Ich setze einen kurzen Separator – frage sie zum Beispiel, ob sie heute Abend noch etwas vorhat. Das dient dazu, die Rollen sauber zu trennen, damit keine Gefühle von einer Position in die nächste getragen werden.
Dann lade ich sie ein, sich erneut einzufühlen. „Urgoßvater oder Urgroßmutter?“ Sie entscheidet sich wieder für den Urgroßvater. Ich gehe in die Urgroßmutter. Kaum stehe ich dort, spüre ich in mir eine große Unruhe. Und in Jennifer beginnt sich etwas deutlich zu verändern.
VII.3 Die Schuld des Ur-Großvaters
Als Urgroßvater beginnt Jennifer, ihren Sohn – also den Großvater – zu beschimpfen. Mit dem sei kein Staat zu machen. Er sei ein Loser. Ein Versager. Er selbst hingegen habe Volk und Vaterland einen echten Dienst getan. Er habe nur dazu beigetragen, dass das Volk gut dasteht. Er habe getan, was getan werden musste.
Jennifer schaut mich verdutzt an – wieder ganz sie selbst – und sagt: „Susanne, ich habe keine Ahnung, wovon ich gerade geredet habe. Aber das wollte ich als Urgroßvater plötzlich sagen.“
Als Urgroßmutter nehme ich etwas Ähnliches wahr. Ich spüre Stolz. Stolz auf meinen Mann. Stolz auf das, was wir erreicht haben. Und gleichzeitig den starken Impuls: Darüber darf man nicht sprechen. Ich werfe einen Blick auf das Flipchart. Die Urgroßeltern, für die wir gerade stehen, sind die beiden, die in den 1930er-Jahren die Spedition übernommen haben. Und in diesem Moment entscheide ich, das Bild zu erweitern. Ich fertige einen Bodenanker für die Spedition an. Und einen weiteren für die früheren Besitzer der Spedition. Ich lege beide Bodenanker aus und bitte Jennifer, in die Spedition zu treten.

Als Jennifer in die Rolle der Spedition tritt, reagiert sie sofort. „Mir geht es sehr schlecht“, sagt sie. „Ich fühle mich missbraucht. Und ich trauere den früheren Besitzern hinterher.“ Ich trete in den Bodenanker der früheren Besitzer. Auch dort zeigt sich unmittelbar etwas sehr Ähnliches. Ich spüre eine enge Bindung an die Spedition. Und es fühlt sich nicht freiwillig an, sie abgegeben zu haben.
Im Gegenteil – ich habe den Eindruck, als sei mir mein Eigentum in irgendeiner Weise entzogen worden. Wir treten wieder aus den Rollen.
Da die Übergabe in den 1930er-Jahren stattgefunden haben muss, lege ich einen weiteren Bodenanker in das Feld: „Nazizeit“. Ich bitte Jennifer, sich daraufzustellen. Ihre Reaktion kommt ohne Zögern: „Der Übergang war notwendig. Das war richtig so. Echte Arier sollten die wirtschaftlichen Güter in der Hand halten.“ Gleichzeitig windet sich der Bodenanker „Geld“. Das Geld fühlt sich missbraucht. Es möchte am liebsten weg.
Wir treten wieder herunter. Mit etwas Abstand erläutere ich Jennifer, dass es so aussieht, als sei die Spedition zwangsenteignet worden. Als hätten die früheren Besitzer nicht das Geld erhalten, das ihnen zustand.
Als sei das Geld – systemisch gesprochen – beschmutzt worden.
Wir legen zusätzlich einen Bodenanker für das „Judentum“ in das Feld. Und er zieht sich eindeutig zu den früheren Besitzern hin. Jennifer nickt. „Ja“, sagt sie. „Das entspricht meinem inneren Bild.“

Und dann fügt sie etwas hinzu: „Aber ich habe das Gefühl, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Da ist noch etwas.“ Ich lege einen weiteren Bodenanker ins Feld. Ein schlichtes Fragezeichen. „Stell dich bitte einmal darauf und spüre hinein“, sage ich. „Ob du für ein Ereignis, einen Menschen oder eine Menschengruppe stehst.“
Kaum tritt sie darauf, sackt sie zusammen. Sie setzt sich, eigentlich fällt sie zu Boden. „Susanne“, sagt sie leise, „hier muss etwas ganz Schreckliches passiert sein. Ich sehe viele Menschen. Ich höre Schreie. Männer. Alte Männer. Frauen. Kinder.“
Dann wird sie ganz ruhig. Ihr Gesicht wird weiß. „Weißt du, was hier passiert ist?“ „Was?“, frage ich. „Es sind Transporte. Transporte in die KZs.“ In diesem Moment spüre ich selbst eine starke Resonanz. Gänsehaut. Ein klares inneres „Ja“. „Das fühlt sich für mich stimmig an“, sage ich.
Jennifer laufen Tränen über die Wangen. „Ich bin so unfassbar traurig“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich meine Heimat nie wiedersehen werde. Ich weiß, dass ich alles verlieren werde. Und das Schlimmste ist: Ich weiß, dass ich meine Kinder nie wieder sehen werde.“ „Du stehst offensichtlich für jüdische Opfer, die mithilfe dieser LKW transportiert wurden“, sage ich ruhig. Sie nickt. „Ja. So fühlt es sich an.“

Ich bitte sie, aus dieser Rolle herauszutreten und zurück auf „Ich“ zu gehen. Dann führe ich ihr noch einmal vor Augen, wer alles im Feld steht: Die Mutter. Die Großeltern. Die Urgroßeltern. Die Spedition. Die früheren Besitzer. Und die Opfer.
„Wen siehst du?“, frage ich. „Nur die Opfer“, sagt sie. Und beginnt erneut zu weinen.
Ich lade sie ein, mit ihnen in Kontakt zu gehen. Wir setzen uns beide symbolisch vor die Opfer. Und ich bitte sie, zu sagen: „Ich sehe euch. Und ich verneige mich vor eurem Schicksal.“ Sie wiederholt die Worte.
„Wie reagieren sie?“, frage ich. „Sie sind froh“, sagt Jennifer. „Froh, dass sie endlich gesehen werden. Dass nach fast hundert Jahren jemand wirklich hinschaut.“ Ich lade sie ein, weiterzusprechen: „Innerlich bin ich immer bei euch. Es fühlt sich auf eine vertraute Art richtig an, hier zu sitzen.“
Sie wiederholt den Satz – und schaut mich überrascht an. „Genau so fühlt es sich an.“ Ich nicke. „Ja. Das ist häufig so.“ Dann lade ich sie ein, die entscheidende Frage zu stellen: „Aber wollt ihr eigentlich, dass ich innerlich immer bei euch bleibe? Als unbewusste Art, an euer Schicksal zu erinnern?“ Die Antwort ist klar. Nein. „Du hast nichts falsch gemacht“, kommt zurück. „Wir wollen nicht, dass du für die Taten deiner Vorfahren sühnst.“ Das berührt Jennifer tief. In einem symbolischen Akt lässt sie die ewige Traurigkeit, dieses Niedergeschlagensein, bei den Opfern. Dort, wo es hingehört.
Dann formuliere ich noch einen letzten Satz für sie: „Und irgendwie kann ich nicht mit Geld umgehen. Ich gebe es schneller aus, als ich es erarbeite. Es fühlt sich für mich an wie Blutgeld. Geld, an dem Blut klebt. Und ich weiß gar nicht, ob ihr wollt, dass ich auf finanziellen Wohlstand verzichte.“
Auch hier ist die Antwort eindeutig: Nein. Dann ziehen wir uns symbolisch zurück ins Reich der Lebenden. Wir stehen auf. Jennifer kehrt auf ihren Bodenanker „Ich“ zurück.
Als Nächstes lade ich Jennifer ein, sich ihrem Urgroßvater zuzuwenden. „Urgroßvater“, sage ich ihr vor, „so wie das hier aussieht, hast du die Spedition unrechtmäßig erhalten. Ohne dass die jüdischen Vorbesitzer das wollten. Und ohne dass sie angemessen entschädigt wurden. Ich frage mich, ob du das bereust.“
Vor ihrem inneren Auge reagiert er sofort. Mit Verachtung. „Nein. Das war doch nur Ungeziefer. Die hatten das nicht verdient.“ Jennifer ist sichtlich entsetzt. Ich führe sie weiter.
„Und so wie es aussieht, hast du die Lkw der Spedition genutzt, um Menschen in die Konzentrationslager transportieren zu lassen. Und damit viel Geld verdient. Wie ich finde: Blutgeld. Geld, an dem Blut klebt. Bereust du das wenigstens?“
Wieder Verachtung. „Was ist das denn für eine dämliche Frage? Natürlich bereue ich nichts.“
VII.4 Auflösung der Verstrickung
Jetzt kommt der entscheidende Schritt. Ich lasse Jennifer sagen: „Und so hast du die Schuld, die deine ist, nie übernommen. Und irgendwie ist diese Schuld durch die Generationen gewandert – bis zu mir. Ich gebe sie dir jetzt zurück.“
Ich reiche ihr ein Rückgabekissen. Ein einfaches Kissen – aber mit einer klaren symbolischen Funktion. „Spüre einmal in dich hinein“, sage ich. „Wo sitzt diese Schuld in dir?“ Nach wenigen Sekunden antwortet sie: „Auf meinen Schultern. Diese ewige Last.“
Ich lade sie ein, diese Last von ihren Schultern in das Rückgabekissen fließen zu lassen.
Sie schließt kurz die Augen. Atmet. Und legt dann das Kissen auf den Bodenanker ihres Urgroßvaters. „Das ist deine Schuld. Die lasse ich jetzt bei dir.“ Als sie wieder auf ihrem eigenen Bodenanker steht, sagt sie leise: „Susanne, das fühlt sich viel, viel leichter an.“

Ich sehe, wie sie ausatmet. Ihr Muskeltonus verändert sich sichtbar. Ihr Körper wirkt weicher. Entlasteter. Doch wir sind noch nicht ganz fertig.
Ich lade sie ein, weiterzusprechen: „Du hast dein Geld damit verdient, Menschen in den sicheren Tod zu schicken. Deswegen ist das Geld, das du damit verdient hast, Blutgeld. Und unbewusst habe ich, wenn ich an Geld gedacht habe, an Blutgeld gedacht. Ich wollte es immer so schnell wie möglich wieder loswerden. Aber das trifft auf das Geld, das ich redlich verdiene, gar nicht zu. Und deshalb lasse ich dieses Bild von Geld, an dem Blut klebt, jetzt bei dir.“
„Wo sitzt dieses Bild in dir?“, frage ich. Wieder kommt die Antwort sofort. Sie legt die Hand auf ihr Herz. „Hier.“ Ich gebe ihr erneut ein Rückgabekissen. Sie lässt dieses Bild – Geld ist Blutgeld – aus ihrem Herzen in das Kissen fließen. Und legt es ebenfalls auf den Bodenanker des Urgroßvaters. Als sie wieder auf ihrem eigenen Platz steht, atmet sie tief durch. „Susanne“, sagt sie, „das fühlt sich das erste Mal seit Langem wirklich gut an.“
Ich beschrifte einen weiteren Bodenanker: „Richtig echt eigene Vorstellung von Geld.“

Ich lege ihn neben sie und trete selbst darauf. Sie schaut mich an – völlig überrascht. „Du siehst richtig gut aus.“ Mit einem leisen Lächeln sage ich: „Vielen Dank für die Blumen.“ Sie schaut auf den Bodenanker neben sich und sagt: „Und du darfst an meiner Seite bleiben.“ Ich als richtig echt eigenes Geld spüre hinein und sage: „Hier fühle ich mich auch wirklich wohl.“
In einem weiteren Coaching-Termin lösen wir noch eine systemische Verstrickung im väterlichen System. Und einige Wochen später berichtet Jennifer etwas, das sie selbst kaum glauben kann. Sie hat nicht mehr dieses abendliche Bedürfnis, sinnlos Geld auszugeben. Sie sitzt nicht mehr zwanghaft vor Amazon. Es brennt nicht mehr in ihrer Tasche. Und dann sagt sie etwas, das sie mit einem fast ungläubigen Lächeln ausspricht: „Ich bin im Plus. Die ersten tausend Euro stehen auf meinem Konto.“
Ohne Kampf. Ohne Disziplinprogramme. Ohne Spar-App. Einfach, weil etwas, das nicht zu ihr gehörte, wieder dort ist, wo es hingehört. Unsere gemeinsame Zusammenarbeit endet kurze Zeit später.
Und ich freue mich sehr, dass wir für sie ein so gutes Ergebnis erzielen konnten.
VIII Was sich hinter solchen Dynamiken verbergen kann
Was Jennifer zunächst als „Ich kann einfach nicht mit Geld umgehen“ beschrieben hat, war keine Charakterschwäche. Keine mangelnde Disziplin. Und auch kein Konsumproblem.
Es war eine unbewusste Loyalität. Eine tiefe, systemische Verstrickung. Mit Schuld. Mit Blutgeld. Mit einem nicht betrauerten Schicksal. Und solange Geld sich innerlich wie Blutgeld anfühlt, will man es nicht behalten. Man will es loswerden. Schnell.
Doch Geld ist nicht Schuld. Und du bist nicht verantwortlich für das, was vor Generationen geschehen ist. Manchmal ist es nicht dein Mindset, das dich sabotiert. Sondern eine Geschichte, die nie ausgesprochen wurde.
doch wenn man den Mut hat, hinzuschauen, kann sich selbst ein so scheinbar banales Thema wie der Dispo in etwas sehr Grundsätzliches – und gleichzeitig Befreiendes – verwandeln.
Vielleicht ist die Frage also nicht: Warum kann ich nicht mit Geld umgehen? Sondern: Wessen Geschichte trage ich und darf ich sie zurückgeben?
Und der Vollständigkeit halber: Nicht jedes Geldthema hat historische Verbrechen im Hintergrund. Manchmal geht es um ererbte Insolvenz, um enteignete Bauernhöfe, um nicht ausgezahlte Erbanteile, um Familien, die sich auf Kosten anderer bereichert haben oder um Schuldgefühle, die nie ausgesprochen wurden.
Entscheidend ist nicht das historische Detail, sondern die unbewusste Loyalität, die daraus entsteht.
IX Einladung zur Selbsterfahrung
Wenn du nun dein eigenes Verhältnis zu Geld erkunden möchtest, sag dir – laut oder innerlich – einmal diesen Satz:
„Ich darf finanziell erfolgreich sein.“
Und dann spür einfach. Nicht analysieren. Nicht erklären. Nur wahrnehmen. Was macht dein Körper? Wird etwas in dir weit oder eng? Kommt Ruhe oder ein leiser Widerstand? Vielleicht sogar Schuld?
Und wenn da etwas auftaucht, dann sag als Nächstes: „Und ich frage mich, ob ich mit finanziellem Erfolg jemandem untreu würde.“ Auch hier: nur spüren.
Manchmal merken wir genau in diesem Moment, dass finanzieller Erfolg sich nicht einfach nur nach Erfolg anfühlt, sondern nach Abgrenzung. Nach Distanz. Nach einem inneren Verrat.
Und dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn vielleicht geht es nicht darum, besser mit Geld umzugehen. Sondern darum, eine alte Loyalität zu erkennen und sie würdevoll zurückzugeben.
Und wenn du bei diesem kraftvollem Satztest gemerkt hast, dass sich da etwas in dir meldet – ein Widerstand, eine Schuld, eine alte Loyalität – dann lohnt es sich, das nicht allein im Kopf zu drehen.
Systemische Themen lösen sich selten durch Verstehen. Sie lösen sich, wenn man hinschaut. Im Feld. Wenn du dein eigenes Finanzthema – oder ein anderes Lebensthema – in einer Familienaufstellung anschauen möchtest, dann lade ich dich herzlich ein.
X Mögliche nächste Schritte
Wenn du dir nun ein eigenes Thema rund um “Geld & Finanzen” anschauen möchtest: Die aktuellen Termine für meine Familienaufstellungen für Glück & Erfolg findest du auf meiner Website.
Und vielleicht wird genau das genau der Moment, an dem du nicht länger für etwas trägst, das nie zu dir gehört hat.
Ich freue mich, wenn du dabei bist.
Und wenn du lernen möchtest, als Coach andere Menschen beim Lösen ihrer systemischen Verstrickungen zu unterstützen, dann ist vielleicht meine Ausbildung zum Business & System Coach für dich genau das richtige (nächster Start: 13. März 2026).
🧡 Herzlichst
Susanne (Lapp)
Familienaufstellerin, Lehrcoach, Trainerin, Podcasterin