Manchmal fühlst du im Coaching etwas, das nicht ganz deins ist. Genau da beginnt die eigentliche Arbeit.
von Dr. Susanne Lapp · WildWechsel, das NLP-Institut für Persönlichkeitsentwicklung
Du sitzt deinem Klienten gegenüber. Er erzählt ruhig von seiner Woche, nichts Dramatisches, und trotzdem steigt in dir eine Gereiztheit hoch, die überhaupt nicht zur Situation passt. Oder das Gegenteil: ein plötzlicher Drang, ihn zu beschützen, ihm die Lösung förmlich hinzulegen. Du kennst dieses Gefühl. Und du hast wahrscheinlich gelernt, es zu übergehen.
Das ist der Fehler. Dieses Gefühl ist kein Störgeräusch. Es ist Information. Zwei der ältesten Begriffe der Psychologie beschreiben, was da gerade zwischen euch passiert: Übertragung und Gegenübertragung.
Sie gelten oft als Therapiethema, als etwas für die Couch. Doch sie wirken in jeder Beziehung, in der ein Mensch einem anderen vertraut. Also auch in jeder Coaching-Stunde. Wer coacht und das nicht kennt, arbeitet mit einem blinden Fleck genau dort, wo die Beziehung entsteht.

* Bilder KI-generiert
I Was Übertragung im Coaching wirklich bedeutet
Übertragung heißt: Dein Klient begegnet dir nicht nur als der Person, die du bist. Er begegnet dir auch mit einer Schablone aus früheren Beziehungen. Erwartungen, Wünsche, Befürchtungen, die sich einmal an einer wichtigen Bezugsperson gebildet haben, legt er unbewusst über dich. Freud nannte das einen Irrtum in der Zeit. Der Klient verwechselt, ohne es zu merken, die Gegenwart mit einer Vergangenheit.
Das klingt abstrakt, ist aber sehr konkret. Der Klient, der dich um Erlaubnis fragt, bevor er widerspricht. Die Klientin, die dich testet, ob du sie auch dann noch magst, wenn sie schwierig wird. Der erfolgreiche Manager, der dich anhimmelt wie eine Autorität, an der er sich früher nie messen durfte. In all diesen Momenten reagiert dein Gegenüber weniger auf dich als auf ein altes Muster. Ein Muster, das meist älter ist als dein Klient selbst, weil es in Beziehungen entstanden ist, an die er sich kaum noch erinnert.
II Gegenübertragung: wenn die Reaktion nicht deine ist
Und jetzt kommst du ins Spiel. Denn du bleibst nicht unbeteiligt. Deine eigene Antwort auf diese Übertragung nennt man Gegenübertragung. Sie hat zwei Gesichter, und die zu unterscheiden ist der ganze Trick.
Das eine Gesicht ist die stimmige, komplementäre Reaktion. Der Klient behandelt dich unbewusst wie eine strenge Instanz, und du spürst, wie du tatsächlich strenger, prüfender, kontrollierender wirst. Diese Reaktion ist kostbar. Sie zeigt dir wie ein Seismograf, welche Rolle dir gerade zugewiesen wird und welches Muster im Raum steht.
Das andere Gesicht ist heikler. Da springt deine eigene Geschichte an. Der Klient tut etwas, das in dir eine alte Wunde streift, und plötzlich reagierst du aus deinem Film, nicht aus seinem. Das ist keine Schande. Das passiert jedem, der ehrlich mit Menschen arbeitet. Entscheidend ist nur, dass du die beiden Gesichter auseinanderhalten kannst. Sonst hältst du dein eigenes Thema für seines.
Die Kunst besteht nicht darin, nichts zu fühlen. Sie besteht darin, zu wissen, wessen Gefühl du gerade fühlst.
III Übertragung, Gegenübertragung, Projektion: der feine Unterschied
Drei Begriffe, die ständig durcheinandergeworfen werden. Es lohnt sich, sie sauber zu trennen, weil sie auf unterschiedlichen Ebenen wirken.
Projektion betrifft die Wahrnehmung. Ich sehe in dir etwas, das eigentlich in mir liegt. Projektion gehen wir in einem eigenen Beitrag genauer nach.
Übertragung betrifft die Beziehung. Ich wiederhole mit dir eine alte Beziehungsdynamik und lege dir eine Rolle an.
Gegenübertragung ist die unbewusste Antwort darauf, die Reaktion, die das Übertragungsangebot in mir auslöst.
Für die Coaching-Praxis reicht diese Landkarte: Wahrnehmung, Beziehung, Reaktion.
IV Woran du Gegenübertragung bei dir erkennst
Gegenübertragung meldet sich selten als klarer Gedanke. Sie meldet sich im Körper, im Impuls, in einer winzigen Abweichung von deiner sonstigen Haltung. Wenn du dir angewöhnst, in diesen Momenten kurz innezuhalten und eine einzige Frage zu stellen, hast du das wichtigste Werkzeug schon in der Hand.
Meins oder deins?Fünf Signale, an denen du im Moment erkennst, dass gerade etwas übertragen wird. Nicht zum Bewerten, zum Bemerken:
- Deine Reaktion ist größer als der Anlass. Du bist plötzlich gereizt, gerührt oder gelangweilt, und die Situation gibt das gar nicht her. Diese Übergröße ist fast immer ein Hinweis.
- Du willst retten, beweisen oder gefallen. Der Drang, dass diese Sitzung unbedingt etwas verändern muss, gehört selten dem Klienten. Er gehört dir.
- Dein Körper meldet sich. Enge in der Brust, Müdigkeit, Ungeduld in den Beinen, ein Gefühl, das vorher nicht da war. Der Körper registriert die Dynamik oft vor dem Kopf.
- Du verlässt deine Haltung. Du rechtfertigst dich, wirst belehrend oder ziehst dich innerlich zurück. Immer wenn du aus deiner Rolle rutschst, lohnt die Frage, wer dich da gerade schiebt.
- Das Gefühl passt besser zu ihm als zu dir. Die Wut, die hochkommt, ist gar nicht deine. Manchmal spürst du stellvertretend, was dein Klient selbst noch nicht fühlen kann.
Keines dieser Signale ist ein Urteil. Sie sind Hinweise aus deiner inneren Wahrnehmung, denen du nachgehen darfst. Der Unterschied zwischen einem geübten und einem unerfahrenen Coach liegt nicht darin, dass der eine sie nicht hat. Er liegt darin, dass der eine sie bemerkt und der andere sie ausagiert.
V Warum du das nicht wegtrainieren kannst – und nicht solltest
Es gibt die Vorstellung, ein guter Coach müsse neutral sein, ein leeres Blatt, frei von eigenen Regungen. Diese Vorstellung ist nicht nur unrealistisch, sie ist gefährlich. Wer glaubt, keine Gegenübertragung zu haben, hat sie nur nicht bemerkt. Und was du nicht bemerkst, das steuert dich.
Der bessere Weg führt nicht über Verdrängung, sondern über Nutzung. Deine Gegenübertragung ist ein Diagnoseinstrument, wenn du sie lesen kannst. Fühlst du dich vom Klienten vereinnahmt, kann das auf sein Ringen zwischen Nähe und Selbstständigkeit hindeuten. Fühlst du dich klein gehalten, sagt das etwas über die Beziehungsmuster, die er mitbringt. Die eigene Empfindung wird zur Information über den anderen, sobald du sicher weißt, was davon deins ist. Genau dafür braucht es Selbsterfahrung. Nicht als Pflichtübung, sondern als Handwerkszeug.
VI Der NLP-Blick: Wahrnehmungspositionen als Werkzeug
Hier wird es praktisch. Im NLP arbeiten wir mit Wahrnehmungspositionen, und die sind für genau diese Situation wie gemacht. Die erste Position ist deine eigene Sicht, mitten im Gefühl. Die zweite Position ist die deines Klienten, sein Erleben. Die dritte Position ist die des Beobachters, der von außen auf euch beide schaut.
Wenn in dir etwas hochkommt, das du nicht zuordnen kannst, wechsle innerlich in die dritte Position. Frag dich von dort aus: Was läuft hier gerade zwischen den beiden? Welche Rolle spielt der Coach da unten, und wer hat sie ihm gegeben? Dieser kurze Perspektivwechsel schafft den Abstand, den du brauchst, um nicht aus dem Muster heraus zu reagieren.
Zwei weitere Werkzeuge helfen dir. Das Meta-Modell der Sprache diszipliniert deine eigenen Deutungen. Statt zu denken „er lehnt mich ab“, fragst du dich: Woran genau merke ich das? Ist das eine Beobachtung oder meine Interpretation? Und über deine State-Steuerung holst du dich zurück in deine Ressourcen, bevor du antwortest. Ein kurzer innerer Anker, ein Atemzug, und du sprichst wieder aus deiner Haltung statt aus dem angesprungenen Zustand.
So wird aus einem diffusen Bauchgefühl eine saubere, bewusste Intervention.

VII Was diese Muster mit deiner eigenen Geschichte zu tun haben
Bleibt die unbequeme Seite. Damit deine Gegenübertragung zum Instrument taugt, musst du deine eigenen Schablonen kennen. Die Kränkbarkeiten, die alten Rollen, die Stellen, an denen du besonders leicht anspringst. Denn auch bei dir gilt, was für deinen Klienten gilt: Vieles davon ist älter als du. Es hat nicht bei dir begonnen. Es wurde weitergegeben, über Generationen, lange bevor du eine Wahl hattest.
Das ist keine bequeme Erkenntnis, aber eine befreiende. Sie nimmt die Selbstverurteilung heraus und macht aus einem vermeintlichen Makel eine Kompetenz. Ein Coach, der seine eigenen Muster durchgearbeitet hat, verwechselt sie nicht mehr mit denen seiner Klienten. Er wird nicht neutral. Er wird klar. Und Klarheit ist im Coaching mehr wert als jede Technik.
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VIII Warum du das nicht allein klärst
Gegenübertragung hat einen eingebauten blinden Fleck. Das, was du an dir selbst nicht sehen kannst, ist genau das, was in der Beziehung am stärksten wirkt. Deshalb ist die Bearbeitung im Übertragungs- und Gegenübertragungs-Gefüge seit jeher ein klassisches Thema für Supervision. Nicht, weil du etwas falsch machst. Sondern weil ein zweites Paar Augen die Nuance sieht, die dir im Sog der Situation entgeht.
Coaching ist anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Wer sie ernst nimmt, sorgt für einen Raum, in dem er die eigenen Verstrickungen regelmäßig anschauen kann. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Kennzeichen von Professionalität.
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Übertragung und Gegenübertragung im Coaching lassen sich nicht abstellen. Aber du kannst lernen, sie zu lesen. Und in dem Moment, in dem du weißt, wessen Gefühl du gerade fühlst, hört die Dynamik auf, dich zu steuern. Dann steuerst du sie. Das ist der Unterschied zwischen jemandem, der Techniken anwendet, und jemandem, der wirklich coacht.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Übertragung und Gegenübertragung?
Übertragung ist das, was dein Klient tut: Er überträgt unbewusst alte Beziehungsmuster, Erwartungen und Gefühle auf dich. Gegenübertragung ist deine unbewusste Antwort darauf, also die Reaktion, die dieses Angebot in dir auslöst. Beide wirken in jeder Coaching-Beziehung, ob du sie bemerkst oder nicht.
Ist Gegenübertragung ein Fehler des Coaches?
Nein. Gegenübertragung ist unvermeidlich und kann sogar dein wichtigstes Diagnoseinstrument sein. Zum Problem wird sie nur, wenn du sie nicht bemerkst und aus ihr heraus handelst, ohne zu wissen, dass gerade dein eigenes Thema angesprungen ist.
Woran erkenne ich eine Gegenübertragung im Coaching?
Typische Signale sind Reaktionen, die größer sind als der Anlass, ein plötzlicher Drang zu retten oder zu gefallen, unerwartete Körperempfindungen und das Verlassen deiner gewohnten Haltung. Die einfachste Prüffrage lautet: Ist dieses Gefühl gerade meins oder gehört es eigentlich zu meinem Klienten?
Brauche ich Supervision, um damit umzugehen?
Sie hilft enorm. Gegenübertragung hat einen eingebauten blinden Fleck, das, was du an dir selbst am schwersten siehst, wirkt in der Beziehung am stärksten. Supervision und Selbsterfahrung geben dir den Außenblick und die innere Klarheit, um deine Muster von denen deiner Klienten zu unterscheiden.
Herzlichst
Susanne Lapp
Lehrtrainerin, Lehrcoach, Podcast-Host, Autorin
1./2. September 2026
19:00 Uhr, jeweils 2 Stunden
Live, online per Zoom