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Schattenarbeit

DEFINITION Schattenarbeit:

Schattenarbeit bezeichnet die bewusste Auseinandersetzung mit Persönlichkeitsanteilen, Eigenschaften, Bedürfnissen, Impulsen oder Gefühlen, die ein Mensch ablehnt, verdrängt oder nicht mit seinem bewussten Selbstbild vereinbaren kann.

Der Begriff des Schatten geht wesentlich auf den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung und die Analytische Psychologie zurück. Der Schatten umfasst dort Persönlichkeitsaspekte, die nicht in das bewusste Ich-Ideal aufgenommen wurden.

Dabei besteht der Schatten keineswegs nur aus vermeintlich „negativen“ Eigenschaften wie Aggression, Neid, Egoismus oder Machtstreben.

Auch positive Fähigkeiten und Bedürfnisse können in den Schatten geraten, beispielsweise:

  • Durchsetzungsfähigkeit
  • Sinnlichkeit
  • Selbstbewusstsein
  • Kreativität
  • Ehrgeiz
  • Autonomie
  • Sichtbarkeit
  • das Bedürfnis nach Anerkennung

 

Wer beispielsweise gelernt hat:

„Bescheidenheit ist eine Tugend. Man stellt sich nicht in den Mittelpunkt.“

kann nicht nur Angeberei ablehnen, sondern möglicherweise gleichzeitig die eigene Fähigkeit zu gesunder Sichtbarkeit verdrängen.

Schattenarbeit bedeutet deshalb nicht, jede verdrängte Eigenschaft ungefiltert auszuleben.

Sie bedeutet zunächst:

Wahrzunehmen, was zum eigenen Erleben gehört, aber bisher keinen angemessenen Platz im bewussten Selbstbild bekommen hat.

Anwendung:

Schattenarbeit kann besonders hilfreich sein, wenn Menschen:

  • auf bestimmte Eigenschaften anderer außergewöhnlich stark reagieren
  • immer wieder ähnliche Konflikte erleben
  • bestimmte eigene Bedürfnisse ablehnen
  • sich für Gefühle oder Impulse schämen
  • ein sehr enges Selbstbild aufrechterhalten
  • bestimmte Eigenschaften ausschließlich anderen zuschreiben
  • zwischen Selbstbild und tatsächlichem Verhalten große Widersprüche erleben

 

Ein möglicher Hinweis auf einen Schattenanteil ist eine auffallend intensive Reaktion auf andere Menschen.

Jemand sagt beispielsweise:

„Ich kann diese selbstverliebten Menschen überhaupt nicht ertragen, die ständig im Mittelpunkt stehen müssen.“

Das bedeutet keineswegs automatisch, dass die Person selbst „eigentlich selbstverliebt“ ist.

Interessant könnte jedoch die Frage sein:

„Was darf dieser Mensch, was du dir selbst nicht erlaubst?“

Vielleicht lautet die Antwort:

„Sich wichtig nehmen.“

Dann liegt hinter der Ablehnung möglicherweise ein bislang wenig gelebter eigener Anteil.

ANWENDUNGSBEISPIEL:

Eine erfolgreiche Führungskraft beschreibt sich als ausgesprochen hilfsbereit, kooperativ und harmonieorientiert.

Menschen, die klare Forderungen stellen und ihre Interessen konsequent vertreten, empfindet sie dagegen schnell als:

„egoistisch und rücksichtslos“.

Im Coaching wird untersucht, was sie selbst mit Egoismus verbindet.

Dabei zeigt sich ein früher Glaubenssatz:

„Ein guter Mensch denkt zuerst an die anderen.“

Deshalb fällt es ihr schwer, Grenzen zu setzen, Aufgaben abzulehnen oder eigene Interessen durchzusetzen.

Die Schattenarbeit besteht nun nicht darin, rücksichtsloser zu werden.

 

Sie entdeckt vielmehr eine bislang abgelehnte Fähigkeit:

gesunde Selbstbehauptung.

 

Aus der scheinbar negativen Eigenschaft „Egoismus“ kann eine differenziertere Ressource entstehen:

„Ich darf meine eigenen Interessen genauso ernst nehmen wie die der anderen.“

Systemischer Kontext:

Aus systemischer Perspektive entsteht der Schatten nicht im luftleeren Raum.

Familien und andere soziale Systeme vermitteln Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften erwünscht sind und welche nicht zur Zugehörigkeit passen.

Botschaften können beispielsweise lauten:

„Bei uns wird nicht gestritten.“

„Sei nicht so egoistisch.“

„Mädchen sind nicht aggressiv.“

„Eigenlob stinkt.“

„Über Gefühle sprechen wir nicht.“

Ein Kind lernt dadurch möglicherweise, bestimmte Seiten von sich nicht mehr zu zeigen oder schließlich kaum noch bewusst wahrzunehmen.

Systemische Schattenarbeit fragt deshalb auch:

„Was durfte in deinem Herkunftssystem nicht sein?“

Gleichzeitig ist eine wichtige Differenzierung notwendig:

Nicht alles, was im Inneren auftaucht, ist automatisch ein eigener Schattenanteil.

Ein abwertender Satz wie:

„Du darfst nicht erfolgreicher sein als deine Familie.“

kann beispielsweise ein Introjekt sein.

Dann wäre das Ziel nicht, diese Botschaft als eigenen Schatten zu „integrieren“. Vielmehr sollte geklärt werden, woher sie stammt und ob sie überhaupt zur eigenen Person gehört.

Damit unterscheidet systemisches NLP zwischen:

verdrängten eigenen Anteilen, die wieder zugänglich werden dürfen, und übernommenen Fremdanteilen, von denen eine Differenzierung notwendig sein kann.

NLP-PERSPEKTIVE:

Schattenarbeit gehört nicht zum klassischen NLP, lässt sich aber sinnvoll mit verschiedenen NLP-Ansätzen verbinden.

Besonders relevant sind:

Teilearbeit:
Ein abgelehnter eigener Anteil kann hinsichtlich seiner Bedürfnisse, Fähigkeiten und Funktion untersucht werden.

Glaubenssatzarbeit:
Häufig liegen dem Ausschluss bestimmter Persönlichkeitsseiten Überzeugungen zugrunde wie:

„Wenn ich wütend bin, bin ich ein schlechter Mensch.“

Reframing:
Eine negativ bewertete Eigenschaft kann hinsichtlich ihrer möglichen Ressourcen betrachtet werden.

Aus „stur“ kann beispielsweise Beharrlichkeit, aus „egoistisch“ Selbstfürsorge und aus „aggressiv“ Durchsetzungskraft werden.

Wahrnehmungspositionen:
Starke Reaktionen auf andere Menschen können aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht werden.

Für systemisches NLP ist jedoch die Unterscheidung zwischen Schatten und Introjekt besonders wichtig.

Nicht alles Unangenehme im Inneren muss angenommen und integriert werden.

Die entscheidende Frage lautet zunächst:

„Ist das ein bislang abgelehnter Teil von mir – oder trage ich hier etwas, das ursprünglich zu jemand anderem gehört?“

Erst danach entscheidet sich, ob Integration oder Differenzierung der sinnvollere Veränderungsweg ist.

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