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Die positive Absicht ist eine zentrale Grundannahme im NLP. Sie besagt, dass hinter einem Verhalten, einer Reaktion oder einem inneren Muster ursprünglich eine positive Funktion beziehungsweise ein erstrebenswertes Ergebnis für die betreffende Person steht oder stand.
Dabei wird ausdrücklich zwischen Verhalten und Absicht unterschieden.
Ein Verhalten kann problematisch, schädlich oder heute völlig unangemessen sein und dennoch einem nachvollziehbaren Zweck dienen, beispielsweise:
Ein Mensch, der Konflikten konsequent ausweicht, verfolgt möglicherweise die positive Absicht, Beziehungen zu erhalten. Perfektionismus kann Sicherheit oder Anerkennung gewährleisten sollen. Prokrastination kann vor der Erfahrung möglichen Scheiterns schützen.
Die Grundidee lautet:
Das Verhalten ist nicht mit seiner Absicht identisch.
Wenn die positive Absicht verstanden wird, können alternative Verhaltensweisen entwickelt werden, die denselben Zweck erfüllen, ohne die problematischen Folgen des bisherigen Musters zu erzeugen.
Die Suche nach der positiven Absicht ist besonders hilfreich bei:
Statt zu fragen:
„Wie werde ich dieses Verhalten endlich los?“
wird zunächst untersucht:
„Was versucht dieses Verhalten für mich zu erreichen?“
oder:
„Was ist die positive Absicht dahinter?“
Dadurch verändert sich häufig bereits die innere Haltung gegenüber dem eigenen Muster. Aus einem vermeintlichen Gegner kann ein Lösungsversuch werden, der lediglich nicht mehr angemessen oder nicht mehr wirksam ist.
Eine Führungskraft bereitet Präsentationen extrem aufwendig vor. Sie kontrolliert jede Folie mehrfach, arbeitet bis spät in die Nacht und kann Aufgaben kaum delegieren.
Sie bezeichnet ihren Perfektionismus als:
„Diese völlig bescheuerte Macke, die mich ständig stresst.“
Im Coaching wird nach der positiven Absicht gefragt.
Zunächst lautet die Antwort:
„Ich will keine Fehler machen.“
Die Frage wird weitergeführt:
„Und wenn du keine Fehler machst – was ermöglicht dir das?“
Schließlich zeigt sich:
„Dann kann mich niemand angreifen und ich fühle mich sicher.“
Damit wird deutlich: Die positive Absicht des Perfektionismus ist Sicherheit.
Die Intervention muss nun nicht den Wunsch nach Sicherheit beseitigen. Stattdessen können neue Strategien entwickelt werden, mit denen die Führungskraft Sicherheit erlebt, ohne jedes Detail kontrollieren zu müssen.
Aus systemischer Perspektive braucht das Konzept der positiven Absicht eine wichtige Differenzierung.
Bei eigenen erwachsenen Anteilen ist die Frage nach der positiven Absicht für die betreffende Person häufig sehr hilfreich.
Bei Introjekten oder Fremdanteilen darf jedoch nicht automatisch unterstellt werden, dass deren positive Absicht dem Menschen gilt, der sie heute in sich trägt.
Ein übernommener Satz wie:
„Du darfst nicht erfolgreicher sein als wir.“
kann beispielsweise aus der Perspektive des Herkunftssystems eine Funktion gehabt haben: Zugehörigkeit sichern, familiäre Normen erhalten oder eine Bezugsperson schützen.
Die positive Absicht kann damit bei der ursprünglichen Person oder im ursprünglichen System liegen und nicht beim heutigen Träger des Introjekts.
Das ist für systemische NLP-Arbeit entscheidend.
Bevor mit einem inneren Anteil über seine positive Absicht verhandelt wird, sollte deshalb geklärt werden:
Ist das überhaupt ein eigener Anteil?
Handelt es sich um einen Fremdanteil, ist nicht zwangsläufig Integration oder Verhandlung angezeigt. Stattdessen kann es darum gehen, Eigenes und Fremdes zu unterscheiden und das Übernommene seiner ursprünglichen Quelle zuzuordnen beziehungsweise zurückzugeben.
Auch Fremd-Anteile haben eine positive Absicht. Allerdings für denjenigen, zu dem sie ursprünglich gehören, nicht notwendigerweise für denjenigen, bei dem sie gelandet sind.
Die positive Absicht spielt insbesondere beim Reframing und in der Teilearbeit eine zentrale Rolle.
Ein klassisches Vorgehen besteht darin, Verhalten und Absicht voneinander zu trennen:
Verhalten:
„Ich vermeide schwierige Gespräche.“
Positive Absicht:
„Ich möchte Zugehörigkeit und Harmonie erhalten.“
Anschließend können neue Verhaltensmöglichkeiten gesucht werden, die diese Absicht mindestens ebenso gut erfüllen.
Damit entsteht ein wichtiger Perspektivwechsel:
Nicht:
„Wie bekämpfe ich meinen problematischen Anteil?“
sondern:
„Wie kann die berechtigte Absicht auf eine bessere Weise erfüllt werden?“
Gleichzeitig ist „positive Absicht“ eine Arbeitsannahme des NLP und kein empirisch nachgewiesenes universelles psychologisches Gesetz. Nicht jedes menschliche Verhalten lässt sich eindeutig auf eine positive Absicht zurückführen.
Als Coachingannahme kann das Konzept jedoch ausgesprochen nützlich sein, weil es den Blick von der Bekämpfung eines Symptoms auf dessen Funktion und mögliche Alternativen lenkt.